Berlin - In Deutschland leiden viele Patienten nach Operationen unnötig an Schmerzen. „Die wenigsten wissen, dass Akutschmerz nicht sein muss“, sagt Prof. Reiner Kunz, Chefarzt der Chirurgischen Abteilung im Berliner St. Joseph Krankenhaus (SJK). Die Klinik erhielt vom TÜV Rheinland die Zertifizierung „Qualitätsmanagement Akutschmerztherapie“.
Bundesweit haben sechs Kliniken dieses Zertifikat. Nach Angaben des TÜV Rheinland haben erst etwa die Hälfte der deutschen Krankenhäuser Regelungen zur Schmerztherapie getroffen. Dabei können sie mit einem professionellen Managementkonzept während der gesamten Behandlungsphase den Schmerz reduzieren.
Schmerz ist subjektiv
„Was Schmerz ist, bestimmt der Patient, nicht wir“, sagt die Pflegedirektorin Schwester Chiara Lipinski. In fachübergreifender Zusammenarbeit haben Ärzte und Pflegepersonal am SJK gemeinsam ein zeitlich gestaffeltes Stufenschema zur Schmerztherapie erarbeitet. Dreimal täglich erfragen sie das Schmerzbefinden des Patienten und leiten entsprechende Maßnahmen ein. „Schmerzfreiheit zu garantieren ist utopisch. Doch wir streben einen Wert von null bis drei auf einer Zehner-Skala an“, so der Chirurgie-Chef Reiner Kunz. Drei entspräche einer Stärke, die sich ignorieren lasse. Alles darüber erfordere eine weitere Schmerztherapie. Ziel des Konzeptes ist es, den Schmerz früh abzufangen. Denn je eher er behandelt wird, desto weniger Schmerzmittel sind in der Regel notwendig. Die Klinik bedenkt dabei auch wirtschaftliche Aspekte: Mit weniger Schmerzen können Patienten möglicherweise früher nach Hause entlassen. Das Krankenhaus spart dadurch Kosten.
Smiley statt Tränen
Das neue Konzept helfe auch, Angst zu nehmen, so Kinderklinik-Chefärztin Dr. Beatrix Schmidt. „Josephinchen“ hat als zweite deutsche Kinderklinik ebenfalls das TÜV-Zertifikat erhalten. Kinder können ihre Schmerzen oft nicht genau lokalisieren und einordnen. Bei Babys werden Puls, Blutdruck und Gesichtsausdruck gedeutet, Patienten im Grundschulalter schätzen den Umfang ihrer Schmerzen zusätzlich anhand einer so genannten „Smiley-Skala“ ein, erklärt Schmidt. Aus Angst vor Überdosierung oder Nebenwirkungen wurde früher oftmals an Schmerzmitteln gespart. Im SJK bekommen auch die Kleinsten bereits Schmerzmittel in ausreichender Menge. „Kinder sollten auf gar keinen Fall Schmerzen erleiden müssen“, meint die Kinderärztin.