Patientenindividuelle Therapie – mehr als nur Zukunftsmusik

Wo man auch hinhört: Alles redet von „personalisierter Medizin“. Experten sprechen von „patientenindividuellen Therapien“ oder „maßgeschneiderter Behandlung“. Und tatsächlich: Mit dem wachsenden Wissen über die zugrundeliegenden Mechanismen der verschiedensten Erkrankungen steigt auch die Zahl zielgerichteterer Arzneimittel. Die Onkologie macht es vor – und auch im Bereich der Pneumologie wird es zunehmend Realität. Ein Beispiel: Moderne Biologika haben die Asthmabehandlung für eine kleine, besonders schwer erkrankte Patientengruppe bereits revolutioniert. Und das ist erst der Anfang.

Rund acht Millionen Menschen, mehrheitlich Kinder, leiden unter Asthma bronchiale – einer chronischen, entzündlichen Erkrankung der Atemwege. Die Bronchien der Betroffenen reagieren überempfindlich gegenüber bestimmten Reizen wie Pollen oder Stress. Das Ergebnis: Kurzatmigkeit, Husten, pfeifende Atmung und ein Engegefühl in der Brust. Die Erkrankung kann sehr unterschiedliche Verlaufsformen und Auslöser haben. Dennoch gilt: „Circa 90 Prozent der Patienten bekommen ihr Asthma mit der Standardtherapie bestehend aus inhalativen Steroiden und langwirksamen Beta-Mimetika recht gut unter Kontrolle.“ Dies erläutert Dr. Cordula Mohrlang, medizinische Leiterin des Fachbereichs Pneumologie bei GlaxoSmithKline (GSK).

Markus* gehört zu der Minderheit, bei der das nicht der Fall ist. Seine Beschwerden lassen nicht nach, seine Lebensqualität leidet enorm. Keine einzige Form der Behandlung hilft. „Nimmt der Patient seine Medikamente richtig ein? Hat er Probleme im Umgang mit dem Inhalator?“ Derartige Fragen sollte ein Arzt nun stellen, erklärt Mohrlang. Auch gilt es, andere Faktoren zu berücksichtigen: „Hat er beispielsweise eine Katze, obwohl er eine Katzenhaarallergie hat? Erst wenn feststeht, dass seine Therapietreue gut ist und keine anderen Auslöser auszumachen sind, spricht man von einem schweren Asthma“, so die Expertin.

Asthmapatient (© RFBSIP – fotolia)

Ein „schreckliches Gefühl“

Noch vor wenigen Jahren hätte man in solchen Fällen nicht viel machen können. „Ich kann mich noch an Patienten erinnern, die von niedergelassenen Pneumologen in die Klinik geschickt wurden – mit der Frage: ‚Können Sie noch etwas für sie tun?‘“, berichtet Mohrlang aus ihrer Zeit in der medizinischen Praxis. „Es war ein schreckliches Gefühl. Wir mussten die Patienten wieder entlassen, ohne viel an der Therapie ändern zu können. Es gab einfach keine weiteren Möglichkeiten.“

Das begann sich erst für eine Gruppe von Asthmapatienten zu ändern, als vor rund zehn Jahren das erste Biologikum auf den Markt kam. Inzwischen sind weitere Vertreter dieser Medikamentenklasse zugelassen. Das Besondere an ihnen? Sie sind Arzneimittel, die biotechnologisch mit Hilfe von gentechnisch veränderten Organismen hergestellt werden. Anders gesagt: Sie werden aus lebenden Zellkulturen gewonnen. „Biologika haben einen sehr spezifischen Wirkmodus“, erklärt Mohrlang die Vorteile. Sie setzen also besonders zielgerichtet an einem Krankheitsmechanismus an.

Exakte Phänotypisierung ist Voraussetzung

Und gerade weil sie so zielgerichtet sind, muss der Arzt das Asthma von Menschen wie Markus genauer unter die Lupe nehmen. Er sucht nach „Biomarkern“, gewissen charakteristischen Merkmalen, die ihm zeigen, von welcher Erkrankungsform („Phänotyp“) sein Patient genau betroffen ist. Dazu macht er u. a. einen Allergietest und ein großes Blutbild.

Markus leidet unter einem schweren eosinophilen Asthma, Hinweise auf eine allergische Komponente ergaben sich bei ihm nicht. Darauf weist die erhöhte Zahl an Blut-Eosinophilen hin. Diese spielen in der Entzündungskaskade der Erkrankung eine große Rolle. Behandelt wird in diesem Fall mit einem gegen den Botenstoff Interleukin-5 (IL-5) gerichteten Antikörper. Denn: IL-5 ist für das Wachstum und Überleben der Eosinophilen von entscheidender Bedeutung. Ein Biologikum, das IL-5 blockiert, kann aus diesem Grund die Zahl der Eosinophilen senken und die darauf basierende Entzündung reduzieren – Markus´ Asthmaanfälle nehmen ab.

Was sind eigentlich Biologika?

  • Synonym: Biopharmazeutika
  • Biologika sind moderne Arzneimittel, die biotechnologisch mit Hilfe von gentechnisch veränderten Organismen hergestellt werden und die sehr gezielt in Krankheitsmechanismen eingreifen können.
  • Biologika bieten neue Behandlungsmöglichkeiten bei schweren Erkrankungen wie Krebs, Rheuma oder Asthma.
  • Die Herstellung ist im Vergleich zu herkömmlichen Medikamenten äußerst komplex, weil sie auf lebenden Zellen basiert.


Biologika: eine Revolution

Ohne eine exakte Phänotypisierung wäre das vermutlich nicht möglich gewesen. „Wenn die Entzündungszellen, gegen die ein Biologikum speziell gerichtet ist, bei der Asthmaform des Betroffenen gar nicht vorhanden sind, dann kann es auch nicht wirken“, bestätigt Mohrlang. „Daher ist es wirklich wichtig, einen Patienten so gut wie möglich zu phänotypisieren“, betont die Pneumologin. Nur dann können Biologika ihr volles Potenzial entfalten.

„Für diese spezielle Patientengruppe mit schwerem Asthma sind die Biologika eine Revolution und eine echte Innovation“, weiß die GSK-Expertin. „Sie können das Leben vieler Betroffener komplett verändern.“ In die Zukunft blickt sie optimistisch: „Ich gehe davon aus, dass es mit zusätzlichen Biologika, die in den kommenden Jahren neu auf den Markt kommen werden, weiter in Richtung einer patientenindividuellen Therapie gehen wird.“ Die unterschiedlichen Asthmatypen könnten dann noch gezielter behandelt werden. Vor diesem Hintergrund wird eine exakte Phänotypisierung der Betroffenen immer wichtiger. „Ich glaube, in ferner Zukunft wird man viel früher mit einer maßgeschneiderten Behandlung des individuellen Patienten beginnen. Möglichst noch bevor bestimmte Prozesse das Asthma im Körper manifestiert haben – um dauerhafte Umbauvorgänge in den Atemwegen zu verhindern“, meint sie. Bisher ist das zwar noch Zukunftsmusik – aber es wird auf Hochtouren geforscht, um die Therapien für Asthmapatienten noch weiter zu optimieren.

Die Richtung stimmt

Insgesamt gilt: „Im Bereich der Atemwegstherapie tut sich momentan wahnsinnig viel“. Das ist auch gut so – denn für Patienten mit schwerem Asthma hatte es über lange Zeit kaum Fortschritte gegeben, wie Mohrlang erklärt. Heute aber verstehen Wissenschaftler und Forscher immer besser die Krankheitsmechanismen hinter Asthma. Inzwischen sind neben IL-5 und Immunglobulin E (IgE) weitere mögliche Angriffspunkte gefunden worden, an denen Medikamente ansetzen könnten.

Noch sind die Forscher in der Atemwegstherapie noch nicht so weit wie etwa in der Onkologie. Hier stehen schon einige zielgerichtete Therapien zur Verfügung, die zum Beispiel gezielt das Wachstum von Tumorzellen hemmen oder das körpereigene Immunsystem für den Kampf gegen den Krebs aktivieren. Aber auch für die Pneumologie gilt: Die Richtung stimmt.

* Fiktive Patientengeschichte, basierend auf typischen Erfahrungsberichten

 

Dr. med. Cordula MohrlangDr. med. Cordula Mohrlang, Fachärztin für Innere Medizin, Pneumologie sowie Somnologie (© GSK)

Steckbrief

Dr. med. Cordula Mohrlang

Frau Dr. Mohrlang ist Fachärztin für Innere Medizin, Pneumologie sowie Somnologie und blickt auf eine langjährige klinische Erfahrung zurück. Seit Oktober 2008 ist sie in verschiedenen Funktionen auf nationaler und internationaler Ebene für GSK tätig. Im Jahr 2015 kehrte sie nach Deutschland zurück und übernahm am Münchner Standort die Rolle als medizinische Leiterin des Fachbereichs Pneumologie bei GSK Deutschland

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