Geschwächtes Immunsystem? Keine Angst vorm Impfen!

Es gibt viele Gründe, warum das Immunsystem bei manchen Menschen dauerhaft geschwächt ist. Ursache können chronische Erkrankungen wie HIV, aber auch spezielle Medikamente sein. So kommen in bestimmten Fällen Immunsuppressiva zum Einsatz, die die Reaktion des Immunsystems absichtlich hemmen. Bei Transplantierten verhindert dies zum Beispiel die Abstoßung des fremden Organs. Weil die Betroffenen befürchten, ihren geschwächten Organismus zu überfordern, sind sie in Bezug auf Impfungen oft besonders zurückhaltend. Dabei sind diese gerade dann wichtig, um sich vor gefährlichen Infektionen zu schützen, wobei inaktivierte (Tot-)Impfstoffe auch unter immunsuppressiver Therapie und bei Immunschwäche verabreicht werden können, während sog. Lebendimpfstoffe unter immunsuppressiver Therapie und ausgeprägter Immunschwäche kontraindiziert sind, so Dr. med. Kerstin Ludwig, stellvertretende Leiterin der Impfakademie von GlaxoSmithKline (GSK).

PatientenBrief: Menschen mit geschwächtem Immunsystem treibt oft die Sorge um, eine Impfung könnte ihren Organismus überanstrengen. Zu Recht?

Nein. Mit einer Überforderung des Immunsystems durch eine Impfung muss nicht gerechnet werden. Selbst bei Patienten, die aufgrund einer Organtransplantation dauerhaft Immunsuppressiva erhalten, wird durch Impfungen noch ein Schutz erreicht – wenngleich er auch geringer sein kann und nicht so lange anhält wie bei Gesunden. Deshalb sollte früher nachgeimpft werden. Gerade in Bezug auf Transplantierte ist wichtig zu betonen: Bedenken, dass Impfungen eine Organabstoßung auslösen könnten, haben sich in Studien nicht bestätigt. Hingegen können zum Beispiel schwere Infektionen mit dem Grippe-Virus Abstoßungsreaktionen verursachen.

PatientenBrief: Und wie sieht es bei anderen chronisch kranken Patienten aus?

Entscheidend ist doch die Frage: Können Impfungen das Auftreten von neuen Erkrankungen oder von Schüben bei einer bestehenden Erkrankung auslösen? Daten von Patienten mit Multipler Sklerose, systemischem Lupus erythematodes oder rheumatoider Arthritis zeigten, dass Impfungen keinen wichtigen Trigger (Auslöser) darstellen und daher verabreicht werden sollten.

PatientenBrief: Manchmal werden chronische Erkrankungen fälschlicherweise als Kontraindikation – ein Grund, eine Impfung nicht durchzuführen – angesehen. Welche Rolle können die Ärzte dabei spielen?

Ärzte können die Angst vor Impfungen nehmen. Bei vielen, aber nicht allen Patienten mit Immunschwäche sind hingegen sogenannte Lebendimpfungen kontraindiziert. Im Gegensatz zu einer Totimpfung sind hier geringe Mengen vermehrungsfähiger Krankheitserreger enthalten. Das ist zum Beispiel bei Masern, Mumps und Röteln der Fall. Um den Patienten gerecht zu werden, muss abhängig von der spezifischen Grunderkrankung eine sorgfältige Einzelfallentscheidung erfolgen. Wichtig ist, dass Lebendimpfungen zum Beispiel vor einer geplanten Immunsuppression durch Medikamente oder bei HIV im frühen Stadium bei noch stabilem Immunsystem gegeben werden.

Frau mit ImpfpassImpfpass (© GSK)

PatientenBrief: Wie beurteilen Sie das Impfverhalten chronisch kranker Menschen? Gibt es offizielle Impfquoten?

Insgesamt gibt es nur wenige Daten dazu. Aus Deutschland ist aber in Bezug auf die Grippe-Impfung bekannt, dass die Impfquote in der Saison 2013/2014 bei chronisch Kranken im Alter von 18 bis 59 Jahren lediglich 23 Prozent betrug.

PatientenBrief: Warum sind Impfungen für chronisch Kranke und Immungeschwächte so wichtig?

Sie gehören zu einer Risikogruppe und tragen in jedem Alter ein generell erhöhtes Infektionsrisiko. Eine Erkrankung kann ihren ohnehin schon geschwächten Organismus erheblich belasten. Dies kann mit schwerwiegenden und dauerhaften Folgen für die Gesundheit verbunden sein. Impfungen können davor schützen.

PatientenBrief: Gegen welche Erreger sollten sich die Betroffenen impfen lassen?

Zum einen sollten sie die Standardimpfungen, die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) generell empfohlen werden, erhalten. Dazu zählen beispielsweise Masern und Keuchhusten, ebenso wie Tetanus und Diphtherie. Zum anderen gibt es für Risikogruppen sogenannte Indikationsimpfungen, die von der Erkrankung, dem Gesundheitszustand und der Lebenssituation des Patienten abhängig sind. Hierzu gehört unter anderem die Impfung gegen die Pneumokokken-Bakterien, die Hirnhaut- oder Lungenentzündungen verursachen können. Ein anderes Beispiel ist die Impfung gegen Hepatitis B – etwa bei Lebererkrankten. Ferner ist die jährliche saisonale Impfung gegen Grippe wichtig, die für alle chronisch Kranken empfohlen wird. Auch eine Totimpfung gegen Gürtelrose sollte in Erwägung gezogen werden, denn die Erkrankung trifft vor allem Menschen mit geschwächtem Immunsystem.

PatientenBrief: Das klingt kompliziert…?

Letztendlich gilt es, je nach Einzelfall zu entscheiden, denn jede Grunderkrankung ist anders. So haben etwa Patienten mit fehlender Milz (Asplenie) ein 20- bis 30-fach höheres Erkrankungsrisiko durch Meningokokken als die Allgemeinbevölkerung. Diese Bakterien können lebensbedrohliche Erkrankungen auslösen. Eine Impfung gegen verschiedene Meningokokken-Typen (A, C, W, Y und B) wird daher nicht nur in diesem Fall, sondern generell bei angeborener oder erworbener Immundefizienz bzw. -suppression von der STIKO empfohlen. Eine einfache Übersicht über alle aktuellen Impfempfehlungen der STIKO findet sich im „Epidemiologischen Bulletin“ des Robert-Koch-Instituts (RKI). Daraus wird übrigens auch ersichtlich, dass es nicht nur auf einen optimalen Impfschutz der Patienten ankommt. Auch der Impfschutz von Haushaltskontakten sowie von anderen Personen aus dem direkten Umfeld des Betroffenen spielt eine zentrale Rolle in der Prävention von Infektionen.

 

PD Dr. med. Kerstin LudwigPD Dr. med. Kerstin Ludwig (© GSK)

Steckbrief

PD Dr. med. Kerstin Ludwig

Frau Dr. Ludwig ist Kinderärztin und habilitierte nach langjähriger Tätigkeit in verschiedenen Universitäts-Kinderkliniken in der Kindernephrologie. Ein wichtiger Schwerpunkt ihrer Forschungstätigkeiten, der sich in zahlreichen Publikationen niederschlug, lag im Bereich der Infektiologie und Immunologie. In den letzten Jahren verschrieb sie sich dem Einsatz für prophylaktische Maßnahmen zur Reduktion der Morbidität und Mortalität von impfpräventablen Erkrankungen und ist als stellvertretende Leitung der Impfakademie von GSK tätig.

 

 

 

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