Ein „Ja“ zum Leben

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind hat einen schweren Unfall. Um sein Leben zu retten, müssen die Ärzte sein Bein abnehmen – ein Schock. In Deutschland kommt es zu rund 70.000 Amputationen pro Jahr. Davon trifft es in etwa 1.000 Fällen Kinder. Damit sie in dieser Lebenslage nicht allein sind, hat Andrea Vogt-Bolm den Verein AMPU-VITA e. V. gegründet – und das Projekt Ampu Kids ins Leben gerufen. Seit über zehn Jahren begleitet sie betroffene Familien vor, während und nach diesem einschneidenden Ereignis. Und zeigt ihnen: Es gibt immer einen Weg.

Alles fing mit einem Quietschen ihrer Unterschenkelprothese an, die Andrea Vogt-Bolm schon seit ihrer Kindheit trägt. „Das ist ganz komisch, weil man denkt, dass alle Leute nur dahin gucken“, erzählt sie lachend. Aufgrund des Geräusches begibt sie sich 2005 zu einem Orthopädietechniker – es ist der Beginn von etwas ganz Großem. Denn im Wartezimmer liest sie von einer Selbsthilfegruppe amputierter Menschen im süddeutschen Bereich. Im Norden gibt es so etwas nicht. „Der Bedarf ist aber groß“, versichert ihr der Experte.

Nach dem Termin beschließt sie: Ihre eigenen positiven Erfahrungen rund um das Leben mit einer Amputation möchte sie an andere Menschen weitergeben. „Ach, ich eröffne einen Verein, sagte ich mir damals. Ohne großartig in dem Moment darüber nachzudenken.“ Eine regionale Tageszeitung berichtet über die Gründung. „Das Telefon stand nicht mehr still. Es war wie eine Welle, die uns überflutete – und das hielt an“, erklärt sie. Schon damals ist ihr klar: Das ist nicht nebenbei zu stemmen. Ihren Beruf gibt sie daher auf. Bis heute ist sie die einzige Hauptamtliche von AMPU VITA e. V. Ihre durchaus riskante Entscheidung bereut sie nicht.

„Das ist auch ein Stück Normalität“

Das liegt auch an den „Ampu Kids“. 2007 ruft Vogt-Bolm dieses Projekt im Rahmen des Vereins ins Leben. „Es ist eine unabhängige, gemeinnützige Organisation, die sich um amputationsbetroffene Kinder und Jugendliche kümmert – und v. a. auch um deren Eltern“, erklärt sie. Und das tut sie mit viel Einsatz: Die Initiatorin begleitet die Betroffenen und Angehörigen vor, während und nach der Amputation. Sie und ihre pro Jahr rund 80 ehrenamtlichen Helfer kommen mit zu Arztgesprächen, beraten und gehen individuell auf die Familien ein.

Andrea Vogt-BolmAndrea Vogt-Bolm rief 2007 Ampu Kids ins Leben. (© Ampu Kids)

„Die einen wollen wissen, wie es anderen Kindern mit einer Amputation ergeht. Andere sind sich unsicher, wie sie es den Geschwistern sagen sollen. Und die nächsten machen sich Sorgen, wie z. B. der Kindergarten reagieren wird.“ Vogt-Bolm und ihre Kollegen helfen, wo sie können. So fährt die Vereinsgründerin von Hamburg aus quer durch das gesamte Bundesgebiet, um zum Beispiel in Köln eine Familie zu unterstützen – bei Bedarf durchaus für mehrere Tage. Oder sie besucht Schulklassen von Betroffenen und stellt den Mitschülern Prothesen vor. „Da überwiegt einfach das Interesse: Die Kinder wollen wissen, wie das funktioniert“, berichtet sie von den positiven Erlebnissen. „Ich möchte allen vermitteln: Das ist auch ein Stück Normalität.“

Amputation, um zu leben

In vielen Fällen sind Amputationen eine unumgängliche Maßnahme, um das Leben der Betroffenen zu retten, beispielsweise nach einem Unfall oder aufgrund einer bösartigen Tumorerkrankung. Angeborene Fehlbildungen von Gliedmaßen (Dysmelie) können ein weiterer Grund sein – genauso wie Infektionen. Meningokokken-Bakterien z. B. lösen bei Erkrankung in etwa einem Drittel der Fälle eine Blutvergiftung (Sepsis) aus. Als Folge sterben unter Umständen einzelne Extremitäten ab – im schlimmsten Fall ist eine Amputation notwendig. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt daher eine Impfung gegen die Erreger im zweiten Lebensjahr.

Andrea Vogt-Bolm betont: „Amputationen sind ein ‚Ja‘ zum Leben.“ Und das will sie den Familien auch zeigen: Sie veranstaltet Ausflüge in den Tierpark, geht mit ihnen ins Fußballstadion und organisiert regelmäßig – ein- bis zweimal jährlich – gemeinsame Freizeiten für die Kinder und ihre Angehörigen. Anders gesagt: Ampu Kids machen all das, was andere Kinder auch tun. Die zehnjährige Vivien, der ein Unterschenkel seit der Geburt fehlt, findet die gemeinsamen Unternehmungen toll: „Ich sehe dann halt, dass ich nicht die Einzige auf der Welt bin, die sowas hat“, erzählt sie in einem Video. Die Mutter eines Betroffenen sagt: „Ampu Kids war für mich da, hat mich aufgenommen und hat mir gezeigt, wie man mit so einer Situation weiterleben kann. […] Und so bin ich ins Leben wieder zurückgekommen.“

Energie für neue Projekte

Ampu KidsLogo Ampu Kids (© Ampu Kids)

Andrea Vogt-Bolm zeigt das: Ihre harte Arbeit lohnt sich. Froh erzählt sie, dass der erste Junge, den sie begleitete, nun studiert. Doch ausruhen gibt es bei ihr nicht. Und das, obwohl ihr vergangenes Jahr das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen wurde, um ihr Engagement zu würdigen. Die Energie, die sie aus solchem Feedback zieht, steckt sie in neue Projekte.

„Im Rahmen der immer besser werdenden diagnostischen Möglichkeiten während der Schwangerschaft erfahren manche Familien, dass sie ein Kind mit Gliedmaßenfehlbildung zur Welt bringen werden.“ Vogt-Bolm möchte an dieser Stelle beratend zur Seite stehen. Trotzdem müssen die Eltern die Entscheidung, ob sie das Kind behalten wollen, am Ende selbst treffen – Vogt-Bolm stellt nur Kontakte her und berät rund um das Leben mit dieser Art der Behinderung. „Zwei Familien, die sich letztlich für das Baby entschieden haben, stehen mit zwei älteren Kindern aus dem Ampu-Kids-Projekt im regen Austausch“, erzählt sie glücklich. Auch daraus zieht sie neue Energie. Und die braucht sie auch: Denn die Ampu Kids soll es noch ganz lange geben.

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