Selbsthilfefreundlichkeit als Qualitätsmerkmal

Die gemeinschaftliche Selbsthilfe bietet ein enormes Potenzial: Mit ihrem Expertenwissen aus eigenem Erleben kann sie den medizinischen Behandlungsprozess eines Patienten unterstützen. Trotzdem hat es die „Laienkompetenz“ in öffentlichen Gesundheitseinrichtungen oft nicht leicht. Das Netzwerk „Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen“ hat daher ein Konzept entwickelt, das die Zusammenarbeit zwischen der Selbsthilfe und Gesundheitseinrichtungen fördern soll. Die Idee: Selbsthilfefreundlichkeit zum Qualitätsmerkmal erheben.

Anna Scherber* ist 29 Jahre alt, glücklich verheiratet und Mutter von zwei Töchtern, als sie mit der Diagnose Multiple Sklerose – eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems – konfrontiert wird. „Unheilbar krank! Wie ein schwarzer Schatten schwebten diese Worte über allen Gedanken. Die Angst kroch langsam den Rücken hinauf. Eiskalt. Ohne Rücksicht. […] Das ´schwarze Loch`, in das ich stürzte, wurde immer größer“, schreibt sie in einem Erfahrungsbericht. Doch bevor das Loch sie droht zu verschlingen, zieht die junge Frau die Reißleine – und findet einen Anker, der ihr Halt gibt: die gemeinschaftliche Selbsthilfe. Hier tauscht sie sich mit anderen Betroffenen aus, hier lernt sie ihre Krankheit zu akzeptieren und mit ihr umzugehen.

Derart positive Erfahrungen wie Anna machen viele Menschen in Deutschland: Gängigen Schätzungen zu Folge sind bundesweit um die 3,5 Millionen Engagierte in 70.000 bis 100.000 Selbsthilfegruppen tätig – zu fast jedem gesundheitlichen und sozialen Thema. Das birgt ein enormes Potenzial an Erfahrungswissen und Betroffenenkompetenz, welches die professionelle, medizinische Versorgung bereichern und ergänzen kann.

Den Erfahrungsschatz der Betroffenen nutzen

Immer mehr Gesundheitseinrichtungen erkennen das und suchen die Zusammenarbeit mit Selbsthilfeorganisationen. „Viele unserer Patienten müssen in kurzer Zeit aufgrund ihrer Erkrankung eine Menge an Informationen, Erfahrungen und Emotionen verarbeiten“, erzählt beispielsweise Prof. Dr. Guido Schürmann, stellvertretender Ärztlicher Direktor des Klinikums Bielefeld Mitte. „Die Unterstützung durch Engagierte aus der Selbsthilfe trägt nicht nur dazu bei, ihnen beispielsweise vor einer Operation Angst zu nehmen […]. Ich weiß sie nach der Entlassung aus der Klinik auch eingebettet in einen gut informierten Kreis, der sie bei der Bewältigung ihrer Erkrankung unterstützt.“

In der gemeinschaftlichen Selbsthilfe finden Erkrankte Halt. (© YakobchukOlena – fotolia)

Horst Schilling bestätigt das aus eigener Erfahrung. Er ist Sprecher der Defibrillator-Selbsthilfegruppe Hochfranken/Hof, in der Menschen mit Herzerkrankungen zusammenkommen. „Nach der Entlassung ist der Patient ja nicht plötzlich gesund. Oft fangen die Schwierigkeiten dann erst an. Natürlich können die Selbsthilfegruppen keine medizinische Versorgung oder Beratung leisten. Aber Tipps und Ratschläge für das tägliche Leben gibt es allemal.“

Trotzdem hat es die Selbsthilfe in den Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens nicht leicht. Die Herausforderung ist vor allem, einen kontinuierlichen Weg der Zusammenarbeit zu finden. Denn: Kooperationen beruhen oft auf dem Engagement und der Leidenschaft einzelner Personen – sowohl auf Seiten der Selbsthilfegruppen, als auch auf der der Ärzte und Pflegekräfte. Ein Personalwechsel bedeutet da nicht selten das Ende des Miteinanders.

Ein weiteres Problem: „Jede Idee einer Selbsthilfegruppe wird nur für die jeweilige Kooperation umgesetzt. So erfindet jede Gruppe das Rad immer wieder neu – anstatt eine Umsetzung klinikweit für alle interessierten Selbsthilfegruppen anzustreben“, erklärt Schilling.

Ein Konzept für ein systematisches Miteinander

Um das zu ändern und dauerhafte Strukturen der Zusammenarbeit zu schaffen, haben sich in 2009 verschiedene Gesundheitseinrichtungen, Organisationen und Privatpersonen zum Netzwerk „Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen“ zusammengeschlossen. Daraus ist kurze Zeit später das Konzept „Selbsthilfefreundlichkeit als Qualitätsmerkmal“ entstanden, das allen Akteuren „ein Bündel von Instrumenten“ für eine erfolgreiche, systematische Kooperation zur Hand geben soll.

Die Idee dahinter: Einrichtungen, die dieses Konzept befolgen und dementsprechend erfolgreich mit der Selbsthilfe zusammenarbeiten, erhalten die exklusive Auszeichnung „selbsthilfefreundlich“. Damit wird in aller Öffentlichkeit gezeigt, dass sie ihre Arbeit mit dem Erfahrungsschatz der Betroffenen erweitern. So wird Selbsthilfefreundlichkeit, ganz im Sinne des Konzept-Titels, zum Qualitätsmerkmal – und zum Aushängeschild einer Einrichtung.

Qualitätskriterien der Selbsthilfefreundlichkeit

Voraussetzung für diese Auszeichnung ist, dass die jeweilige Gesundheitseinrichtung die Qualitätskriterien, die Teil des Netzwerk-Konzeptes sind, erfolgreich umsetzt. Dazu gehört unter anderem, dass sie in ihren Räumlichkeiten und Medien über die Selbsthilfe informiert, die Patienten auf Teilnahmemöglichkeiten an für sie geeigneten Gruppen hinweist und einen festen Ansprechpartner für die Selbsthilfe benennt. Außerdem sollten Fortbildungen der eigenen Mitarbeiter zum Thema Selbsthilfe angeboten werden; die jeweiligen Kooperationen sollten auf konkreten Vereinbarungen und einem formalen Beschluss beruhen. Interessierte Gesundheitseinrichtungen können die Auszeichnung direkt beim Netzwerk beantragen. Dafür ist ein Bericht mit detaillierten Nachweisen über die Umsetzung des Konzeptes vorzulegen.

Ausgezeichnet: 28 Kliniken in Deutschland sind „selbsthilfefreundlich“. (© Syda Productions – fotolia)

„Es handelt sich um einen Leitfaden. Individuelle Abweichungen sind für jede Zusammenarbeit möglich“, führt Schilling aus. Seine Defibrillator-Selbsthilfegruppe ist ganz neu – seit März dieses Jahres – als Mitglied im Netzwerk dabei. Für sie geht es daher nun erstmal darum zu klären, welche Gesundheitseinrichtung in der Region an einer Zusammenarbeit interessiert wäre. „Hier ist die Selbsthilfekontaktstelle in Hof gefordert, entsprechende Kontakte zu knüpfen und das Netzwerk dort vorzustellen“.

Selbsthilfekontaktstellen sind zentrale Anlaufpunkte für alle, die sich über Selbsthilfe informieren wollen. Sie unterstützen Patienten bei der Suche oder Gründung geeigneter Gruppen und sind für Kooperationen mit Gesundheitseinrichtungen verantwortlich. Auch im Konzept des Netzwerkes sind sie daher als unverzichtbarer Partner in den Aufbau einer dauerhaften Zusammenarbeit integriert.

Das Netzwerk

  • ist ein Zusammenschluss aus Gesundheitseinrichtungen, Selbsthilfegruppen und -kontaktstellen sowie interessierten Einzelpersonen und Institutionen
  • gegründet im Januar 2015 mit Sitz in Berlin
  • wurde 2009 gegründet
  • hat 187 Mitglieder
  • Geschäftsstelle: seit 2016 bei der NAKOS, der bundesweiten Informations- und Vermittlungsstelle im Feld der Selbsthilfe, angesiedelt
  • Ziel: Zusammenarbeit von Selbsthilfe und professionellem Gesundheitswesen fördern

Quelle: http://www.selbsthilfefreundlichkeit.de

Das erste „Selbsthilfefreundliche Krankenhaus“

„Diese sehr strukturierte Vorgehensweise hat sich hundertfach in Kliniken sowie Praxen bewährt“, berichtet Horst Schilling. Ein Beispiel ist das Klinikum Bielefeld. Im Jahr 2011 wurde es zum ersten „Selbsthilfefreundlichen Krankenhaus“ gekürt. „Auf die Auszeichnung […] hinzuarbeiten, hat uns alle sehr angespornt“, erzählt Mitarbeiterin Sandra Knicker, die in der Einrichtung zur Ansprechpartnerin ernannt wurde. „Die medizinischen Leistungen sind durch die intensive Kooperation mit der Selbsthilfe um ein Angebot erweitert worden, von dem die Patienten sehr profitieren.“ Und auch die „Kehlkopflosen Bielefeld“ sind froh: „Es sind klare, nachvollziehbare Strukturen geschaffen worden, so dass wir als Aktive der Selbsthilfe im Krankenhaus nicht auf den guten Willen einzelner Verantwortlicher angewiesen sind, sondern auf grundsätzliche Absprachen bauen können.“

187 Mitglieder hat das Netzwerk inzwischen – 28 Kliniken in ganz Deutschland tragen momentan die Auszeichnung „selbsthilfefreundlich“. „Die Zeiten des Herrschaftswissens sind vorbei“, resümiert Alfred Dänzer, ehemaliger Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Mehr und mehr wird das medizinische Know-how der Ärzte und Pflegekräfte mit dem Expertenwissen aus eigenem Erleben ergänzt. „Die Selbsthilfe spielt im Gesundheitswesen eine immer größer werdende Rolle“, ist sich auch Horst Schilling sicher.


* Der Name „Anna Scherber“ ist fiktiv. Der Erfahrungsbericht wurde anonym veröffentlicht.

Top
Zurück