Schmerzmanagement will gelernt sein

Birgitta Gibson lebt seit über 30 Jahren mit chronischen Schmerzen. Dank der richtigen Therapie hat sie es geschafft, mit ihrem Leiden umzugehen. Doch sie weiß: Viele Betroffene tappen noch im Dunkeln auf der Suche nach einer Diagnose, einem geeigneten Arzt oder einer lindernden Behandlung. Als Vizepräsidentin der Deutschen Schmerzliga engagiert sie sich daher für eine bessere Versorgung von Schmerzpatienten – und gibt ihr Wissen um ein erfolgreiches „Schmerzmanagement“ an sie weiter.

Gründungsmitglied und Vizepräsidentin der Schmerzliga: Birgitta Gibson (© Deutsche Schmerzliga e. V.)

Jeder kennt das: Legt man seine Hand auf eine heiße Herdplatte, durchzuckt einen ein großer Schmerz. Schneller als man registrieren kann, hat man die Hand von der Platte genommen. Der Schmerz hat dem Gehirn signalisiert: „Achtung, hier besteht Verbrennungsgefahr.“ Normaler Schmerz ist daher eine durchaus sinnvolle Sache. Er warnt den Körper vor Gefahren, Verletzungen und möglichen Erkrankungen – sei es beispielsweise am Kopf, im Bauch oder an der Hand.

Bleibt der Schmerz jedoch über längere Zeiträume von mindestens drei bis sechs Monaten bestehen, dann spricht man von einer Chronifizierung – und die ist alles andere als sinnvoll. „Der Schmerz warnt ja vor nichts mehr. Er ist einfach immer da“, erzählt Birgitta Gibson. Über 12 Millionen Menschen sind laut der Deutschen Schmerzgesellschaft hierzulande davon betroffen. Was das für das Leben der Patienten bedeutet, weiß die 69-Jährige aus eigener Erfahrung. Seit über 30 Jahren lebt sie mit chronischen Schmerzen.

Wenn sich ein Schmerzgedächtnis entwickelt

Angefangen hatte bei ihr alles mit einer Bandscheiben-Operation, bei der Komplikationen auftraten. „Während der Therapie wurde mein gesamter Rücken eingegipst. Mit Unterbrechung lag ich dreieinhalb Monate im Krankenhaus“, erinnert sie sich. „Ich hatte Schmerzen ohne Ende.“ Doch stärkere Medikamente zur Linderung bekam sie nicht. Vermutlich wurde genau das Frau Gibson zum Verhängnis: Mit derartigen Arzneimitteln hätte sie vielleicht kein Schmerzgedächtnis entwickelt. „Wenn Sie mich fragen, was fünfmal acht ist, denke ich nicht groß darüber nach. Ich habe das gelernt. Genauso geht es den Nerven: Sie haben den Schmerz gelernt“, erklärt sie.

Von da an leidet die ehemalige Lehrerin – trotz einer weiteren Operation – chronisch unter Schmerzen. Ihren Beruf muss sie daher mit nur 36 Jahren aufgeben. Auch ihr damals achtjähriger Sohn leidet sehr unter der Situation: „Seine Mama konnte ja nichts.“ Während andere Mütter ihre Kinder auf Schulveranstaltungen begleiteten, blieb Gibson zu Hause. „Das war eine große psychische Belastung, weil ich jemand bin, der gerne aktiv ist.“

Der Weg zurück ins Leben: eine multimodale Therapie

Verzweifelt versucht die gebürtige Frankfurterin einen Weg der Linderung bei mehreren Ärzten zu finden. „Mein Mann ist mit mir sogar zu einem Heilpraktiker nach Heidelberg gefahren“, erzählt sie. Doch nichts hilft so richtig. Erst ein Tipp ihres Hausarztes bringt sie schließlich auf die Spur eines speziellen Schmerztherapeuten in Frankfurt. „Er hat einen ganz anderen Zugang zu meinen Schmerzen gehabt. Er hat mich mit meinen Schmerzen ernst genommen.“ Für Gibson ist das von unschätzbarem Wert: Denn nach so langer Zeit zweifelten manche Ärzte – und bisweilen auch sie selbst – an ihren ständigen Beschwerden. Und: „Der Schmerztherapeut in Frankfurt hatte ein ganz anderes – ein multimodales – Therapiekonzept.“

Eine multimodale Therapie besteht aus der Kombination verschiedener Behandlungsansätze. So bekam Birgitta Gibson nicht nur stärkere Medikamente gegen die Schmerzen (Opioide); zusätzlich verhalf ihr eine auf sie zugeschnittene Physiotherapie wieder auf die Beine. Mit einem speziellen Entspannungstraining, einer psychologischen Schmerztherapie und weiteren Behandlungsmethoden lernte sie schließlich, mit ihrer Erkrankung umzugehen – und sie nicht mehr als Hauptbestandteil ihres Daseins zu sehen. „Das hat mir wieder zu meinem Leben verholfen. Dafür bin ich sehr dankbar.“

© Deutsche Schmerzliga e. V.

Hilfe in der gemeinschaftlichen Selbsthilfe

Ihre neu gewonnene Lebensenergie steckt Gibson in die Gründung einer Selbsthilfegruppe. „Mir tun die Menschen leid, die keine Hilfe kriegen – weil ich um die psychische Belastung, die mit chronischen Schmerzen verbunden ist, weiß“, erklärt sie ihren Beweggrund. „Ich wollte einfach helfen.“ Und das schafft sie auch: Ihre Selbsthilfegruppe wächst rasant an, sodass sie 1990 gemeinsam mit ihrem Schmerztherapeuten und einem Anwalt beschließt, einen Verein zu gründen. Die Deutsche Schmerzliga (DSL) ist geboren.

Unter ihrem Dach haben sich inzwischen über 100 Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen. Rund 4.000 Mitglieder zählt die Organisation. Gibson engagiert sich hier als Vizepräsidentin dafür, dass Schmerzpatienten besser versorgt werden. Ihre wichtigste Botschaft: „Chronischer Schmerz ist kein unabwendbares Schicksal. Er ist behandelbar und es gibt Hilfe.“

Die Chronifizierung verhindern

Um diese Botschaft unter das Volk zu bringen, betreut die DSL ein Schmerztelefon zur Beratung von Patienten. Sie gibt eine Vielzahl an Adressen von Therapeuten und Kliniken an Betroffene heraus, informiert auf Veranstaltungen sowie in Publikationen über „chronischen Schmerz“ und vermittelt Patienten an Selbsthilfegruppen. „In Sachen Aufklärung haben wir schon viel erreicht“, ist sich Gibson sicher.

An manchen anderen Stellen bleibt jedoch viel zu tun. „Schmerztherapeuten sind Mangelware.“ Betroffene müssten teilweise bis zu acht Monate auf einen Arzttermin warten. Hier sei die Gesundheitspolitik gefragt: „Die sogenannte sprechende Medizin, d. h. das Gespräch zwischen Arzt und Patient, muss besser honoriert werden“, fordert Gibson. Außerdem sollte im Medizinstudium tiefgehender auf das Thema „chronischer Schmerz“ eingegangen werden – damit auch der Hausarzt, als oftmals erster Ansprechpartner, die Symptome erkennen und an einen Spezialisten überweisen kann. „Nur so werden chronische Verläufe frühzeitig abgefangen. Und das spart ja auch Kosten für das Gesundheitswesen.“

Bei Birgitta Gibson konnte die Chronifizierung nicht verhindert werden. Doch sie ließ sich nicht unterkriegen und macht nun anderen Betroffenen Mut: „Ich habe gelernt, meinen Schmerz zu managen“, sagt sie zufrieden. „Es war ein langer Weg, aber er hat sich gelohnt.“

Die Deutsche Schmerzliga e. V.

  • ist eine Selbsthilfeorganisation für Patienten mit chronischen Schmerzen
  • wurde 1990 gegründet
  • hat 4.000 individuelle Mitglieder
  • vereint über 100 regionale Selbsthilfegruppen unter ihrem Dach

Aufgabe

  • informiert in Publikationen, auf Veranstaltungen und in der Öffentlichkeit über „chronische Schmerzen“
  • berät Betroffene am Schmerztelefon und in Sprechstunden
  • versorgt Mitglieder mit Anschriften von Therapeuten und Kliniken
  • vermittelt Patienten an Selbsthilfegruppen

Ziel

Die Lebensqualität von Menschen mit chronischen Schmerzen verbessern

Quelle: http://www.schmerzliga.de

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