Opfer des eigenen Erfolges

Impfungen gehören zu den wirksamsten präventiven Maßnahmen, die der modernen Medizin zur Verfügung stehen. Durch sie werden Krankheiten, die tödliche Folgen mit sich bringen können, kontrolliert oder gar ausgerottet. Doch genau das macht sie zum Opfer ihres eigenen Erfolges: Krankheiten, die kaum einer mehr kennt, schwinden aus dem Bewusstsein der Menschen – die Impfquoten sinken. Wie gefährlich das sein kann, zeigen die jährlichen Masern-Fälle.

Impfen ist eine soziale Verantwortung. (© GSK)

Pocken – eine Krankheit, die bis heute nicht heilbar ist und in 30 Prozent der Fälle tödlich verläuft – konnte 1980 global ausgerottet werden. Poliomyelitis, bekannt als die Kinderlähmung, gilt – zumindest in Europa – ebenfalls als besiegt. Bei Erkrankungen wie den Masern reduzierte sich die Zahl der Fälle auf unserem Kontinent zwischen 1997 und 2009 um 96 Prozent. Die Liste ließe sich fortsetzen. Es ist eine Erfolgsgeschichte – die wir Impfungen zu verdanken haben.

Dass das kein Grund ist, sich zufrieden zurück zu lehnen, zeigt das Beispiel Masern: Sie könnten eigentlich längst ausgerottet sein – die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte Europa dieses Ziel bis 2015 gesetzt. Doch in 14 von 53 Ländern sind die Masern immer noch heimisch. Und Deutschland gehört dazu: Hier wurde in eben diesem Jahr eine enorme Zahl von fast 2.500 Erkrankungen gemeldet – ein ungeimpftes Kind starb, jeder Vierte musste stationär behandelt werden. Der Grund: ein falsches Sicherheitsgefühl.

Falsches Sicherheitsgefühl + Wissenslücken = Impflücken

Werden Krankheiten zurückgedrängt oder gar ausgerottet, schwinden sie aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Menschen haben keine Angst mehr vor ihnen. Das Ergebnis: Das Impfen als Präventionsmaßnahme wird vernachlässigt, vergessen – oder gar als überflüssig betrachtet. Im Fall Masern führte das dazu, dass in 2015 nur rund 74 Prozent der Zweijährigen hierzulande die erforderlichen zwei Dosen erhielten. Für eine Eliminierung der Krankheit wäre eine stabile Quote von mindestens 95 Prozent notwendig.

Auch die Unterschätzung von Erkrankungsrisiken kann fatale Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung haben. Ursache dieses falschen Sicherheitsgefühls und der Impfmüdigkeit sind meist Wissenslücken: So hatte beispielsweise eine repräsentative Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ergeben, dass fast jeder Zweite (42 %) die Grippe für keine schwere Krankheit hält. Dass das nicht stimmt, zeigen die Fakten: In Deutschland sterben jährlich zwischen 10.000 und 30.000 Menschen an der Folge einer Influenza – meistens trifft es die Generation 60 plus. Viele dieser Todesfälle könnten mit Impfungen vermieden werden. Doch bundesweit ist nur etwa jeder dritte Senior (2015/2016: 35,3 %) geimpft, wie Auswertungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeigen. Selbst im Osten von Deutschland, wo die Impfquoten vergleichsweise hoch sind, werden die von der WHO angestrebten 75 Prozent nirgends erreicht (s. Grafik).

Impfen: eine soziale Verantwortung

Heutzutage sind 29 Infektionskrankheiten impfpräventabel – mit Ebola sogar 30. Das bedeutet für den einzelnen Menschen nicht nur einen Schutz vor einer Vielzahl an Erkrankungen, sondern auch vor deren Folgen. Bei Masern kann das z. B. eine Lungen- oder Gehirnentzündung oder aber auch ein schleichender, tödlicher Zerfall des Gehirns (Subkutane Sklerosierende Masernenzephalitis) sein.

Angesichts dieser drohenden Komplikationen ist Impfen immer auch soziale Verantwortung: Menschen, die zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung nicht geimpft werden können, sind darauf angewiesen, dass es ihr Umfeld ist und sich eine Krankheit wie Masern nicht ausbreiten kann. Die gute Nachricht für sie ist: Überzeugte Impfgegner sind hierzulande klar in der Unterzahl – mit den meisten Nicht-Geimpften kann man also durchaus reden.

Diese Erkenntnis macht es umso dringlicher, Wege zu finden, die das Thema „Impfen“ näher zu den Menschen bringen. Wenn es sie lebenslang – und nicht nur in den kindlichen Vorsorgeuntersuchungen – begleitet, dann können Impflücken geschlossen und weitere Krankheiten eliminiert oder kontrolliert werden.

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