Medizinthemen amtlich checken lassen

Im Juli 2016 hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz: IQWiG, den „ThemenCheck Medizin“ gestartet. Dort kann jeder interessierte Bürger Vorschläge machen, welches Untersuchungs- und Behandlungsverfahren er wissenschaftlich bewertet sehen will. Eigentlich eine gute Idee – nur trauen tut sich noch niemand.

„Gesundheit ist ein Zustand nicht ausreichender Diagnostik“, so hat im Internet ein Arzt behauptet, der wohl weiß, warum er unbekannt bleiben will. Soll heißen: Wer gesund ist, hat nur noch nicht alles gesehen, was die Medizin so hergibt. Was nach Zynismus klingt, hat aber einen realen Hintergrund: Bei all der Vielfalt möglicher Untersuchungs- und Behandlungsverfahren ist oft nicht klar, ob ein bestimmtes Verfahren, eine bestimmte Maßnahme auch nützt. Eine typische Frage für den ThemenCheck könnte deshalb sein: Macht das Glaukom-Screening als Früherkennungsuntersuchung für den Grünen Star Sinn? Oder: Können ergotherapeutische Maßnahmen Demenzkranken helfen, im Alltag wieder selbstständiger zu werden? „Grundsätzlich sind alle Themen geeignet, die die Gesundheitsversorgung betreffen – von Vorsorgemaßnahmen und Früherkennung über die Diagnostik, die medizinische Behandlung bis hin zur Rehabilitation“, heißt es auf der ThemenCheck-Internetseite. Ausgenommen sind Themen, die sich ausschließlich auf die Bewertung von Arzneimitteln beziehen, „da es zu Arzneimitteln bereits andere Verfahren der Bewertung gibt.“

Die Grundlage für den ThemenCheck wurde im GKV-Versorgungsstärkungsgesetz geschaffen – es etabliert eine neue Form der Bürgerbeteiligung. Jeder Interessierte darf mitmachen und seine Vorschläge einreichen. Das IQWiG sammelt und prüft sie in einem zweistufigen Auswahlverfahren und soll bis zu fünf Themen pro Jahr bearbeiten. Es gibt einen Auswahlbeirat, der eine Vorauswahl von bis zu 15 Themen vornehmen soll. Das IQWiG recherchiert die wissenschaftliche Literatur zu den aufgeworfenen Fragen. Die Forschungsergebnisse sollen durch externe Wissenschaftler-Teams zusammengefasst, bewertet und mit Handlungsempfehlungen beim „ThemenCheck Medizin“ veröffentlicht und kommentiert werden.

Jeder kann mitmachen: Der ThemenCheck Medizin prüft Untersuchungs- und Behandlungsverfahren.

Vom Thema zum HTA-Bericht

Der Prozess ist einfach. Wer ein Thema auf die Agenda setzen will, muss ein Internet-Formular ausfüllen, das das IQWiG auf Anfrage verschickt; Briefe, Faxe oder Emails werden nicht akzeptiert. Dann wird entschieden, welche Themen bearbeitet werden – oder in der Sprache des IQWiG: Welche Themen das Zeug dazu haben, zu einem HTA-Bericht zu werden.

HTA steht für Health Technology Assessment. Mit diesem Wortungetüm meinen Wissenschaftler eine systematische, strukturierte Analyse und Bewertung wissenschaftlicher Informationen über Auswirkungen medizinischer Verfahren, Technologien oder auch Strukturen auf die Gesundheitsversorgung. Ein HTA-Bericht für ein bestimmtes Instrument ermöglicht – so die Theorie – eine Bewertung darüber, ob eine Maßnahme Sinn macht. Oder eben nicht. Nicht alle werden von dieser Art von Transparenz begeistert sein. So könnten auf diese Art die umstrittenen IGe-Leistungen auf die Tagesordnung der Gesundheitspolitik kommen. Einige dieser so genannten individuellen Gesundheitsleistungen, die Ärzte ihren Patienten anbieten können, die aber nicht von den Krankenkassen bezahlt werden, sind immer wieder umstritten: Macht eine Sauerstofftherapie zur Unterstützung von Heilprozessen Sinn? Und wenn ja, in welchen Bereichen und in welchen nicht? Der ThemenCheck Medizin hat so zumindest theoretisch das Potenzial, Themen auf die Tagesordnung des Gemeinsamen Bundesausschusses, G-BA, zu hieven, denn das IQWiG kündigte an, seine Berichte an Institutionen weiterzugeben, die über Leistungen des Gesundheitswesens entscheiden.

Die erste Frage ist immer die schwerste – das gilt auch in diesem Falle. Oder liegt es einfach daran, dass das Angebot noch zu wenig bekannt ist? Bisher sind jedenfalls noch keine Themenvorschläge auf der Homepage des IQWiGs gelistet.

Top
Zurück