Die Qual der Klinikwahl

Jedes Krankenhaus muss einmal jährlich einen Qualitätsbericht erstellen. Aber können diese Berichte einem Patienten wirklich helfen, die richtige Klinik zu finden? Ein Versuch.

Nehmen wir es einfach an: Da sind Schmerzen in der Hüfte – nicht sehr lang und nicht sehr schlimm. Aber eine innere Alarmglocke meldet sich schon: Gibt es nicht schon in der Familie Hüftprobleme? Hat Vater gar ein künstliches Gelenk? Die Frage lautet also: Hüfte operieren oder nicht? Und wenn ja, wo? Wie findet Otto Normalverbraucher den richtigen Experten und damit ein Krankenhaus, das beim Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks hohe Qualitätsstandards erfüllt?

 alt=Krankenhäuser müssen jährlich die Qualität ihrer Arbeit dokumentieren – den Patienten hilft das nicht immer.

Ein Glück, dass es den G-BA gibt, den gemeinsamen Bundesausschuss – das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen. Denn die Krankenhäuser in Deutschland sind gesetzlich verpflichtet, jährlich einen Qualitätsbericht zu veröffentlichen – und der G-BA legt fest, was in diesen Berichten alles drinstehen muss. Zum Beispiel Informationen darüber, welche Operationen in einer Klinik durchgeführt werden und wie oft dabei Komplikationen auftreten. Was für uns als Patienten aber fast genauso wichtig ist: Der G-BA veröffentlicht auf seinen Internetseiten auch eine Lesehilfe unter dem Titel: „Die gesetzlichen Qualitätsberichte der Krankenhäuser lesen und verstehen“.

Ein Klick und man weiß Bescheid – nun ja, nicht ganz. Die Lesehilfe umfasst 29 Seiten und informiert zwar über „Diagnosen nach ICD (B-[X].5)“, über „Prozeduren nach OPS (B-[X].6)“ und über allerlei weitere „Struktur- und Leistungsdaten“ – aber sie verrät nicht, wie sich das beste Krankenhaus findet. Vielleicht hilft ein Blick in einen solchen Qualitätsbericht – immerhin veröffentlicht der G-BA auf seinen Internetseiten seit diesem Jahr eine „Positivliste“ jener Krankenhäuser, die ihren Qualitätsbericht ordnungsgemäß geliefert haben. Nehmen wir für unseren Versuch also das Beispiel München: Aus den mehr als drei Dutzend Münchener Krankenhäusern fällt die Wahl auf das Klinikum der Universität München – denn es hat einen guten Ruf und ist so groß, dass man dort bestimmt Erfahrungen mit dem Einsetzen künstlicher Hüftgelenke hat.

Die Lesehilfe hat 29 Seiten

Eine „Referenzdatenbank“ auf den Seiten des G-BA führt direkt zum Qualitätsbericht. Er umfasst schwer verständliche 1.513 Seiten. Keine gute Hilfe für den, der eine schnelle Entscheidung braucht.

Menschen, die es eiliger haben, hilft vielleicht der Verweis des G-BA auf „Kliniksuchmaschinen“ - wie zum Beispiel der AOK-Gesundheitsnavi. Auch dort muss man sich erst zurechtfinden und durchklicken, aber dann folgen zumindest verständliche Informationen: Die Uniklinik erhält für die Behandlungsqualität von „Hüftgelenkersatz bei Gelenkverschleiß“ zwei von drei möglichen dunkelgrünen AOK-Bäumchen – und liegt damit unter allen Kliniken im Mittelfeld. In München gibt es noch 25 weitere Kliniken mit diesem Behandlungsangebot, darunter auch welche, die drei Bäumchen erhalten haben. Ganz ähnlich funktionieren die Suchmaschinen der anderen Krankenkassen, nur mit anderer Symbolik. Der „BKK-Klinikfinder“ zum Beispiel arbeitet mit Ampelsymbolen. Nützliche, aber knapp und verständlich formulierte Zusatzinfos bietet die Krankenhaus-Suche der weißen Liste, die von der Bertelsmann-Stiftung gemeinsam mit Patientenorganisationen entwickelt wurde: Unter www.weisse-liste.de erfahre wir zum Beispiel, dass es in der Uniklinik nur in 0,0 Prozent der Fälle, also gar nicht, zum „Ausrenken des künstlichen Hüftgelenks“ kam – aber in 5,2 Prozent der Fälle erfolgte eine „erneute Operation wegen Komplikationen“.

Die Patientenorganisationen setzen sich dafür ein, neben einer Positiv-Liste auch eine Negativ-Liste mit alle jenen Kliniken zu veröffentlichen, die keine Qualitätsberichte geliefert haben. Aber reicht das? Oder sollten die Qualitätsberichte auch prägnanter, klarer und verständlicher formuliert werden? Immerhin ist es ein gutes Zeichen, dass auch der G-BA den Patienten gegenüber in seiner eingangs erwähnten Lesehilfe einräumt „dass Sie die Qualitätsberichte nicht immer ohne fachkundige Hilfe verstehen können“ – denn sie richten sich nicht nur an Patienten, sondern auch an Ärzte und Krankenkassen. Der G-BA empfiehlt deshalb: „Darum sollten Sie sich nicht scheuen, das Krankenhaus, Ihre behandelnde Ärztin oder Ihren behandelnden Arzt, Ihre Krankenkasse, eine Patientenberatungsstelle oder eine Patienten- bzw. Selbsthilfeorganisation um Hilfe zu bitten, falls Sie etwas nicht verstehen oder in den Qualitätsberichten nicht die Informationen finden können, die Ihnen wichtig sind.“  

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