Organspenden: Niedrigster Stand seit 20 Jahren

Es sind dramatische Zahlen, die die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) Anfang dieses Jahres veröffentlichte: In Deutschland gab es 2017 nur noch 797 Organspender – ein neuer Negativrekord. Doch laut einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) stehen über 80 Prozent der Deutschen einer Organ- oder Gewebespende eher positiv gegenüber. Ein Widerspruch?

Mit gerade einmal 797 Organspendern* in 2017 liegt Deutschland bereits unter der kritischen Marke von 10 Spendern pro eine Million Einwohner. Sie gilt international als (inoffizielle) Voraussetzung für ein ernstzunehmendes Organspendesystem. Deutschland ist aufgrund seiner großen Einwohnerzahl ein wichtiger Partner im so genannten Eurotransplant-System.

Zu diesem System gehören acht europäische Länder mit insgesamt etwa 134 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Slowenien und Ungarn. Sie alle haben sich zusammengeschlossen, um den Patienten auf den Wartelisten eine möglichst gute Versorgung hin zu einer Transplantation zu gewährleisten. Die gemeinnützige Organisation Eurotransplant ist dafür zuständig, den internationalen Organ-Austausch zu vermitteln und zu koordinieren. So sind Ungaren nicht nur auf Organe aus Ungarn angewiesen – und Österreicher nicht nur auf welche aus Österreich. In Deutschland etwa wurden 2017 170 mehr Organe verpflanzt, als gespendet.

Über 10.000 Menschen warten

Trotzdem befinden sich über 10.000 Menschen in Deutschland derzeit auf der Warteliste – und hoffen u. a. auf eine Niere, eine Leber oder ein Herz. „Es geht mir persönlich stets besonders nahe, wenn ich im Rahmen unserer Treffen für Wartelistenpatienten Menschen begegne, die schon schwer durch die Krankheit gezeichnet immer noch auf ein Organ warten müssen, nicht mehr arbeiten können, sich durch den Tag schleppen und versuchen die Hoffnung auf ein rechtzeitig eintreffendes Spenderorganangebot nicht aufzugeben“, berichtet Jutta Riemer, Vorsitzende der Patientenselbsthilfeorganisation Lebertransplantierte Deutschland e.V.

Im Schnitt sterben jeden Tag circa drei Menschen auf den Wartelisten. Umso tragischer ist es, dass laut einer Repräsentativbefragung der BZgA vier Fünftel der Deutschen einer Organ- oder Gewebespende eigentlich aufgeschlossen gegenüberstehen. In Deutschland gilt seit 2012 in Sachen Organspende die sogenannte Entscheidungslösung. Ab dem vollendeten 16. Lebensjahr erhält jeder Versicherte von seiner Krankenkasse oder seinem Versicherungsunternehmen regelmäßig Informationsmaterialien. Auf dieser Basis ist er dazu angehalten, eine bewusste Entscheidung zu treffen – und diese z. B. in einem Organspendeausweis zu dokumentieren.

Nur ein Drittel der deutschen Bevölkerung hat einen Organspendeausweis. (© BZgA/Hardy Welsch)

Organspende: Eine aktive Entscheidung?

Leider „hat nur ein Drittel der Bevölkerung tatsächlich einen Organspendeausweis“, bedauert der ehemalige Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Das Problem: Laut BZgA-Befragung haben sich rund 40 Prozent der Menschen noch nicht aktiv entschieden. Das liege vor allem daran, dass sie sich noch nicht genügend mit dem Thema auseinandergesetzt hätten. Hinzu kommt eine große Zahl an Menschen, die sich zwar entschieden, ihren Willen aber nicht dokumentiert hat. Scheitert die Entscheidungslösung?

„Brauchen Widerspruchslösung“

Angesichts des aktuellen Niedrigstandes an Organspendern zweifeln so manche die Richtigkeit dieser Gesetzgebung an. So schrieb etwa SPD-Gesundheitsexperte Prof. Dr. Karl Lauterbach über den Nachrichtendienst Twitter: „Brauchen Widerspruchslösung. Das System versagt. Zu viele unnötige Tote. Keine Ethik der Unverantwortlichkeit.“

Würde man in Deutschland – wie in vielen anderen Ländern auch – die Widerspruchslösung einführen, hieße das: Jeder, der zu Lebzeiten nicht gegen eine Organentnahme widersprochen hat, ist nach seinem Tod automatisch Organspender – wenn er als solcher in Frage kommt. So verhält es sich zum Beispiel in Kroatien: Es ist laut der Daten von Eurotransplant mit fast 36 Spendern pro eine Million Einwohner Spitzenreiter in dem Acht-Länder-System (Stand: 2016).

Ursachen für Organspendermangel sind „vielschichtig“

Dennoch widersprechen viele der Forderung Lauterbachs: „Die Organspende ist […] zur Rettung von Menschenleben unverzichtbar. Ich bin jedoch gegen einen Systemwechsel im Sinne einer Widerspruchslösung, da dies mit einem Zwang für die Bürger verbunden ist“, erklärte FDP-Politikerin Christine Aschenberg-Dugnus dem Deutschen Ärzteblatt. Die Grünen ergänzten: Es sei bislang unklar, warum die Spenderzahlen sinken. „Bevor man nicht die Ursache kennt, sollte man sich mit Schüssen ins Blaue zurückhalten.“ Und tatsächlich: In Luxemburg, wo die Widerspruchslösung gilt, gab es 2016 laut Eurotransplant sogar nur 5,2 Spender pro eine Million Einwohner – ein noch niedrigerer Stand als in Deutschland. Die Ursachen für den Organspendermangel seien „vielschichtig“ bestätigte auch die DSO in einer Pressemitteilung.

Eine der Ursachen könnte mangelnde Aufklärung sein. So hatte die BZgA-Befragung auch gezeigt, dass sich fast die Hälfte der Menschen (46 %) „weniger gut“ oder „schlecht“ über das Thema Organ- und Gewebespende informiert fühlte. 42 Prozent der Befragten wünschten sich, mehr Informationen zu erhalten. Dr. Heidrun Thaiss, Leiterin der BZgA bemerkte: „Nur wer gut informiert ist, kann eine bewusste Entscheidung treffen.“

Die Bedingungen in den Kliniken verbessern

Damit mehr Menschen Organe bekommen, muss vor allem aber auch der Ablauf in den Kliniken optimiert werden. Spanien gilt hier als Musterbeispiel: Hier ist es die Nationale Organisation für Transplantationen (ONT), die sich zentralisiert um die Organisation von Organspenden kümmert. Ihr unterstehen Transplantationsbeauftragte, die sie als ausgebildete Intensivmediziner in Teilzeitarbeit in den Kliniken unterstützen. Diese wurden im richtigen Umgang mit Organen bzw. Gewebe geschult und dazu befähigt, selbstständig potenzielle Spender zu identifizieren.

Zwar gibt es auch in Deutschland Transplantationsbeauftragte. Doch hier machen die meisten diesen Job eher „nebenbei“ – zusätzlich zu ihrem Hauptberuf. Die Rolle der Beauftragten „nachhaltig zu stärken, fordern Experten immer wieder. Dazu zählen deren kontinuierliche Weiterbildung, die Entlastung von anderen Aufgaben sowie die Unterstützung und Wertschätzung der Klinikleitungen“, schreibt die DSO dazu. Angesichts einer zunehmenden Arbeitsverdichtung und -belastung auf den Intensivstationen fordert sie von den Ländern eine „einheitliche Regelung zur Freistellung für diese wichtige Tätigkeit“. Bayern hat eine solche geschaffen – und ist das Bundesland, „das im zurückliegenden Jahr entgegen dem Bundestrend die deutlichste Steigerung der Organspende erzielen konnte“, lobt die Stiftung.

Ein Initiativplan für Deutschland

Damit es auch in Gesamtdeutschland bald wieder bergauf geht, fordert die DSO einen „Initiativplan mit klar definierten Handlungsschritten“. Dr. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Organisation, erklärte: „Wir brauchen alle für die Transplantationsmedizin wichtigen medizinischen Fachgesellschaften, unsere Vertragspartner, Patientenverbände und die Politik, um die Organspende in Deutschland gemeinsam wieder auf Kurs zu bringen.“ Schließlich hat der Organspendermangel nicht eine, sondern viele Ursachen: Mangelnde Aufklärung seitens der Bevölkerung und die zunehmende Arbeitsbelastung seitens der Kliniken sind nur zwei davon. So fordert Jutta Riemer im Namen der Lebertransplantierten unter anderem auch eine „bedarfsgerechte Finanzierung“ der Organentnahme und Motivation in den Krankenhäusern.

„Es geht um Solidarität und Hilfsbereitschaft gegenüber Mitmenschen. Die Wartepatienten sind darauf angewiesen, dass alle mit hoher Motivation dafür sorgen, dass ein neuer Geist für die Organspende einzieht“, erklärt sie. „Organspende ist keine lästige Pflicht, sondern Qualitätsmerkmal von Kliniken. Klinikchefs und Landesregierungen […] müssen zeigen, dass ihnen Organspende wichtig […] ist. Vom Bürger bis hin zu jedem Assistenzarzt, zu jeder Schwester und jedem Pfleger, bis zu jedem in der Klinikverwaltung muss klar werden: ‚Organspende – Ja, natürlich habe ich mich als Bürger entschieden und ja, natürlich finden Organspenden in unserem Krankenhaus statt, denn wir retten hier Leben!‘“

Der Ablauf einer Organspende

  1. Todesfeststellung
    Eine postmortale Organspende ist nur möglich, wenn der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) auf einer Intensivstation festgestellt wurde.
  2. Klärung der Spendebereitschaft
    Liegt eine Zustimmung zur Organspende (z. B. Organspendeausweis) vor, werden die intensivmedizinischen Maßnahmen kurzzeitig fortgesetzt, damit die Organe weiter durchblutet werden.
  3. Meldung des Organspenders an die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO)
  4. Medizinische Untersuchung des Verstorbenen
  5. Übermittlung der medizinischen Daten des Spenders an Eurotransplant
    Eurotransplant ermittelt passende Empfänger auf der Warteliste.
  6. Organentnahme
    Erst bei der Entnahmeoperation wird endgültig entschieden, ob ein Organ wirklich zur Transplantation geeignet ist.
  7. Transport des Spenderorgans
  8. Organtransplantation
Quelle: organspende-info.de

 

*„Organspender": Menschen, die postmortal mind. ein Organ gespendet haben.

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