Pflege – neu gedacht

Seit dem 1. Januar 2017 gilt in Deutschland ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff. Damit steht nicht mehr der körperliche Hilfsbedarf im Fokus, sondern es werden bei der Einschätzung eines Pflegebedarfs auch geistig und psychisch bedingte Einschränkungen der Selbstständigkeit gleichrangig berücksichtigt. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. begrüßt die „neue Denke“ in der Pflege – sieht aber einige Probleme weiterhin ungelöst.

Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, begrüßt die „neue Denke“ in der Pflege. (© Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.)

Der alte Pflegebedürftigkeitsbegriff war einfach von Vorgestern. Er fokussierte einseitig auf körperliche und blendete psychische und kognitive Einschränkungen weitgehend aus. Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz, wie Pflegeprofis das nennen, sind aber eben auch Demenzkranke. Ihre besonderen Anforderungen an pflegerische Unterstützung berücksichtigt das Zweite Pflegestärkungsgesetz (PSG II). „Auf diesen ganzheitlichen Pflegebegriff haben wir lange hingearbeitet“, sagt Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Im Hinblick auf verschiedene Vorgängergesetze erklärt sie: „Da ist in den vergangenen Jahren herumgedoktert worden, aber es gab keine Gleichberechtigung zwischen den psychischen und den somatischen pflegebedürftigen Menschen.“

Zumindest auf dem Papier ist das jetzt anders. Der 1. Januar markiert eine Zeitenwende. Wer bis zum 31.12.2016 einen Antrag stellte, wurde nach dem alten System eingestuft – und in der neuen Pflegewelt einfach eine und bei Demenzerkrankung sogar zwei Pflegestufen hochgesetzt. Seit Januar gilt ein so genanntes Assessment in sechs Aktivitätsbereichen (s. Info-Kasten). „Das System wurde komplett umgekrempelt“, sagt Jansen. Was das Organisatorische betrifft, habe die Umsetzung, die die Deutsche Alzheimer Gesellschaft auch als Mitglied des vom Bundesgesundheitsministerium eingesetzten Beirates begleitet, recht gut geklappt. „Die Vorbereitungsarbeiten liefen seit gut anderthalb Jahren.“ Die Verwaltung ist in der neuen Pflegewelt angekommen, nun aber geht es in die Umsetzung. Schließlich, so die Alzheimer Gesellschaft, müsste ein neues System auch in neuen Versorgungskonzepten münden „Hier warten viele Betreuungseinrichtungen noch ab“, sagt Jansen. Denn neue Konzepte kosten Geld und erfordern Personal. „Das System ist in der Schwebe – vom Gesetz her sind die Weichen gestellt. Aber die spannende Frage ist nun: Kommt das auch in Form einer besseren Versorgung an?“

Verbessert die Situation von Demenzkranken: der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff (© fotolia)

Wie gut kann Pflege sein – ohne Personal?

Mit ihrem Alzheimer-Telefon* – die Selbsthilfeorganisation führt hier 5.000 bis 6.000 Gespräche im Jahr durch – hofft Jansen auf entsprechendes Feedback, um dann im Sinne der betroffenen Menschen und ihrer Angehörigen aktiv werden zu können. Aber sie weiß um die Herausforderungen eines solchen Instruments. Denn erstens rufen in der Regel nur die an, die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Und zweitens? „Die Kunst ist: Herausfiltern, was Folge des neuen Gesetzes und was Folge des allgemeinen Pflegenotstandes ist.“

Kann man in Deutschland von einem Pflegenotstand sprechen? Sabine Jansen zögert nicht: „Ja, das kann man. Die Heime und ambulanten Dienste finden immer häufiger kein qualifiziertes Personal mehr. Und die Situation wird nicht besser, sie wird schlimmer. Der Beruf ist für junge Menschen im Vergleich zu anderen nicht attraktiv genug.“

Von der Idee her macht das PSG II sehr vieles richtig. Es ist eine überfällige Weichenstellung in einer alternden Gesellschaft. „Mit dem Pflegestärkungsgesetz II stärken wir Pflegebedürftige, ihre Angehörigen und unsere Pflegekräfte in Deutschland“, vermeldete der Bundesgesundheitsminister bei Verabschiedung des Gesetzes via Facebook. Sabine Jansen kommentiert das so: „Das stimmt grundsätzlich, aber die besten Gesetze nützen nichts, wenn man kein Personal findet.“

 

* Alzheimer-Telefon: 030 - 259 37 95 14 oder 01803 - 17 10 17

 

Neues Begutachtungsschema

Bewertet werden Beeinträchtigungen in den sechs Bereichen:

  • Mobilität
  • Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Belastungen
  • Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
  • Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
  • Gestaltung des Alltags und sozialer Kontakt
  • Selbstversorgung

Quelle: www.pflege.de

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