Digitale Gesundheitsagenda – was ist drin aus Patientensicht?

Mit dem Anfang 2016 in Kraft getretenen E-Health-Gesetz treibt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe die Digitalisierung des Gesundheitswesens voran. Im Zentrum steht der Ausbau einer Telematik-Infrastruktur und der elektronischen Gesundheitskarte (eGK). Ab kommendem Sommer könnte dies in Deutschland schrittweise Realität werden. Was bedeutet das für die Patienten?

Digitalisierung: Bundesgesundheitsminister Gröhe will „Tempo“ machen (© BMG/Jochen Zick (action press))

Stellen Sie sich vor, Sie kommen in eine Praxis – und der Arzt hat auf einen Blick alle für Ihre Behandlung relevanten Gesundheitsdaten. Was für die einen ein Traum von Effizienz und Patientensicherheit ist, stellt für andere ein Schreckensszenario für den Datenschutz dar. Aber ob nun Traum oder Albtraum – dies soll bald Realität werden, wenn es nach Gesundheitsminister Gröhe geht.

Darüber können viele nur müde lächeln, denn in Planung ist das schon lange: Vor über 10 Jahren sollte die eGK bereits den herkömmlichen Versichertenausweis ablösen. Alle Patientendaten gespeichert auf einem einzigen Mikroprozessorchip – das war das Ziel. Doch daraus wurde lange nichts. Erst Anfang 2015 wurde sie als verpflichtend eingeführt – aber kann bis heute kaum mehr als ihr Vorgänger. „Die gesetzliche Umbenennung der Krankenversicherungskarte in ‚elektronisch[e] Gesundheitskarte‘ ist zum jetzigen Zeitpunkt euphemisch und […] irreführend“, bedauerte die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe beim Entwurf des E-Health-Gesetzes. Ist das IT-Milliardenprojekt rund um die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems gescheitert?

 

Deutschland hinkt hinterher

Je länger Deutschland für die Digitalisierung des Gesundheitswesens braucht, desto mehr droht es im internationalen Vergleich ins Hintertreffen zu geraten. Eine gefährliche Entwicklung für den High-Tech-Standort, meint der Soziologe Josef Hilbert, Direktor des Instituts Arbeit und Technik in Gelsenkirchen. Manche Firmen würden bereits ihre Sitze in andere Länder verlegen. Auch in Bezug auf die Digitalisierung von Versorgungsstrukturen seien Länder wie Österreich fortschrittlicher. In Deutschland müsse der Arzt z. B. immer noch viele Untersuchungen wiederholen, weil die Daten nicht auf der eGK gespeichert sind. „Am Ende bekommt der Patient weniger Gesundheit“ als in einem digitalisierten System, resümiert Hilbert.

Gröhe scheint dies ähnlich zu sehen: Er möchte daher „Tempo bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen“ machen. Das Anfang 2016 in Kraft getretene „Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen (E-Health-Gesetz)“ soll den Weg ebnen für den Ausbau der Telematik-Infrastruktur. Bis Mitte 2018 sollen Arztpraxen und Krankenhäuser flächendeckend miteinander vernetzt sein. Im Moment befindet sich das System noch in der Testphase. Ist es erfolgreich, wird es ab kommendem Sommer schrittweise in ganz Deutschland eingeführt.

Der Patient im Mittelpunkt

Doch was haben die Versicherten davon? Laut Gröhe von allem ein bisschen mehr: mehr Informationen, mehr Sicherheit, mehr Transparenz, mehr Selbstbestimmung. Möglich wird das durch die lang erwartete Weiterentwicklung der eGK: Die erste Neuerung wird der automatische Online-Abgleich der Versichertenstammdaten beim Einlesen der Gesundheitskarte sein. Bei einer Adressänderung o. ä. führt das System direkt ein Update auf der Karte aus. So liegen in der Arztpraxis immer aktuelle Versichertendaten vor.

Doch damit nicht genug. Die eGK soll künftig Leben retten: Ab 2018 können die Versicherten Notfalldaten auf dem Chip speichern. So sind wichtige Informationen wie Allergien und Vorerkrankungen des Patienten für Ärzte schnell verfügbar – im Ernstfall ein echter Vorteil. Auch Behandlungsfehler durch Multimedikation will man mit der eGK verhindern. Datendienstleister Elsevier Health Analytics schätzt, dass jährlich mehr als 20.000 Menschen vermeidbaren Arzneimittelinteraktionen zum Opfer fallen. Daher schrieb das Bundesgesundheitsministerium im E-Health-Gesetz fest, dass Menschen, die 3 oder mehr Arzneimittel zu sich nehmen, ab Oktober 2016 das Recht auf einen Medikationsplan haben. Bisher gibt es den nur in Papierform – ab 2018 soll er elektronisch auf der Gesundheitskarte gespeichert sein. Der behandelnde Arzt hätte dann Einsicht in eine Auflistung aller Medikamente, die der Patient aktuell zu sich nimmt. Todesfälle durch Wechselwirkungen könnten leichter vermieden werden.

Die auf der eGK gespeicherten Informationen sollen ab 2018 in einer Online-Datenbank – der elektronischen Patientenakte – für den Versicherten zugänglich gemacht werden. Dort kann er auch eigene Daten ablegen, wie z. B. seine Blutzuckermessungen. Für den Patienten bedeutet das: Er ist eigenständiger, selbstbestimmter und informierter. Er kann seine Daten von Zuhause aus abrufen sowie die Entscheidungen der Ärzte einsehen und nachvollziehen – eventuell auch über Apps oder das Smartphone. Damit sich der Patient darüber hinaus nicht im Internetdschungel von „Dr. Google“ verliert, regt Gröhe die Gründung eines deutschen Online-Gesundheitsportals an:

Die elektronische Gesundheitskarte: das Herzstück der digitalen Infrastruktur (© gematik GmbH)

Hier sollen wichtige, qualitätsgesicherte Informationen rund um das Gesundheitswesen zu finden sein. Neben telemedizinischen Angeboten wie Videosprechstunden könnten derartige Datenplattformen vor allem für immobile Menschen ein Segen sein. Mehr denn je zuvor kann der Patient Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen und den Prozess aktiv mitgestalten – wenn er das denn will. Was also bleibt, ist die Frage nach dem Datenschutz.

 

 

Datenschutz nach dem Zwei-Schlüssel-Prinzip

Ginge es nach Dr. Silke Lüder, würde das „staatliche Unsinnprojekt“ rund um die eGK gestoppt. Die Vizevorsitzende der Freien Ärzteschaft befürchtet eine „Totalüberwachung“ und sieht den Missbrauch der Patientendaten als ernsthafte Gefahr. Kritisch muss man zu Recht sein: Für manche Akteure sind die Gesundheitsdaten der Versicherten durchaus von großem Interesse. Krankenkassen könnten mit ihnen ihr Kostenrisiko senken, Arbeitgeber nur vermeintlich „gesunde“ Mitarbeiter einstellen. Also doch besser beim althergebrachten, analogen Gesundheitssystem bleiben?

Das würde bedeuten, dass weiterhin die Mehrheit der fünf Milliarden Behandlungsdokumente im Jahr zwischen Krankenhäusern, Arztpraxen und Laboren unverschlüsselt per Fax oder Brief versendet wird. Leicht können hier Unterlagen verloren gehen oder in die falschen Hände geraten. Datenschutz? – Fehlanzeige. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit fragt zu Recht, „ob Organisation und Zusammenarbeit im Gesundheitswesen heute noch zeitgemäß sind“. Im Namen der Patientensicherheit forderte es daher bereits 2014 in einem Positionspapier, dass die Politik „die Umsetzung der ursprünglich bereits im fünften Sozialgesetzbuch für 2006 geplanten nationalen Infrastruktur rasch realisiert“. In diesem Sinne sollen nun 150.000 Arztpraxen, 2,3 Millionen sonstige Gesundheitsberufe, 2.000 Krankenhäuser, 20.000 Apotheken und über 70 Millionen gesetzlich Versicherte telematisch vernetzt werden, um den Umgang mit den sensiblen Patientendaten sicherer zu machen. Die Daten auf der Gesundheitskarte sind durch ein Zwei-Schlüssel-Prinzip verschlüsselt. Das heißt, um sie lesbar zu machen bedarf es einerseits des elektronischen Heilberufsausweises des Arztes und andererseits der mit einem persönlichen PIN geschützten eGK des Versicherten – sonst ist kein Zugriff möglich. Dadurch können die Daten nicht an Dritte wie Behörden und Versicherungen gelangen. Zusätzlich werden die letzten 50 Zugriffe gespeichert – so kann überprüft werden, wer die Daten eingesehen hat. Ein Sicherheitsfortschritt zu der bestehenden Übermittlung von Patientendaten ist das allemal.

Big Data nutzen

Letztendlich ist es doch so: Der Patient selbst ist es, der das größte Interesse an seinen Gesundheitsdaten hat – und nur er entscheidet, welche dieser Daten er auf der eGK speichert und weitergibt. Fakt ist aber: Umso mehr Informationen es gibt, desto leichter hat es die Forschung – und davon profitiert letztlich der Patient. „So können Daten sehr vieler Patienten erfasst und auf bestimmte Gensequenzen hin untersucht werden – Gensequenzen, die Tumore auslösen. Wer sie erkennt, kann gezielt nach Wegen suchen, den Tumor zu bekämpfen“, erklärt Minister Gröhe.

Die Angst vor Big Data – dem Sammeln riesiger Datenmengen – ist nach wie vor groß, besonders in Deutschland. „Die German Angst vor Big Data“ titelte letztes Jahr der Stern. In einer Studie hatte sich gezeigt, dass die Deutschen eine sehr viel kritischere Haltung gegenüber Big Data einnehmen als andere Nationen. Das zeigt, wie dringend die deutsche Politik die Sorgen der Bürger ernst nehmen und angehen muss. Denn: Aus reinem Vorsichtsdenken das gigantische Potenzial von Big Data nicht auszunutzen, wäre fahrlässig – den Patienten würde einiges entgehen.

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