Impf-Schutz: Deutschland hinkt hinterher

Gerade bei chronisch kranken und bei älteren Menschen sollte die jährliche Grippe-Impfung fest im Kalender stehen. Eine Studie aus den USA belegt, dass niedrige Impfraten gravierende Folgen haben können. Und: Deutschland ist alles andere als ein Musterschüler, wenn es um Impfprävention geht.

Tatsache ist: die Risiken einer Grippe werden unterschätzt. Dabei sind sich von der Weltgesundheitsorganisation über die Europäische Union, von den Fachgesellschaften bis hin zur Ständigen Impfkommission alle einig: Gerade bei chronisch kranken oder älteren Menschen ist die Impfung gegen die Grippe kein perfekter, aber der beste verfügbare Schutz: Mindestens 75 Prozent der so genannten Risikogruppe sollte geimpft sein. In Europa erreichen dieses Ziel nur die Niederlande (77,5 Prozent) und Großbritannien (77,2 Prozent). Deutschland schaffte in dieser Studie gerade mal eine Quote von 32 Prozent.

Diese Daten stammen aus einer großen weltweit durchgeführten Studie mit Herzinsuffizienz-Patienten. Dort wurde eigentlich untersucht, ob Medikament A besser ist als Medikament B, um die Pumpfunktion des Herzens zu stärken. Doch die US-Kardiologen wollten noch mehr wissen: Von den über 8.000 eingeschlossenen Patienten schauten sie sich im Nachhinein den Impfstatus der Probanden an: Jeder Fünfte (21 Prozent) war gegen Grippe geimpft. Diese hatten ein um 18 Prozent reduziertes Gesamtsterberisiko als die Nicht-Geimpften. Diese Studie reiht sich ein in eine ständig wachsende Evidenz, dass Grippe-Impfung nicht nur vor Grippe schützen kann, sondern auch vor Folgeerkrankungen oder etwa Krankenhauseinweisungen.


Trend nach unten: Grippe-Impfquoten in Deutschland
Impfquote in Prozent bei den über 60-jährigen


Alter: 60 Jahre oder älter. Quelle: Robert Koch Institut

Impfquoten gehen weiter zurück
Die Grippe-Impfquoten in Deutschland sind nicht nur niedrig. Sie gehen auch seit Jahren zurück. Das zeigen ganz frische Daten des RKI auf Basis von Abrechnungsdaten der Krankenkassen. Demnach war in der Grippesaison 2014 / 2015 nur noch ein Drittel (36,7 Prozent) der über 60-jährigen geimpft – eine ähnlich niedrige Quote hatten auch die US-Kardiologen festgestellt.

In der Saison 2008/09 waren es noch fast 50 Prozent gewesen. Auffallend sind dabei die länderspezifischen Unterschiede: Baden-Württemberg ist das Land der Grippeimpfmuffel. Hier lässt sich gerade mal jeder fünfte (21,1 Prozent) impfen. Am anderen Ende der Skala rangiert Sachsen-Anhalt mit einer Impfquote von 56,7 Prozent. Fazit des RKI: „Die Zielvorgaben der Europäischen Union werden damit in Deutschland bisher von keinem einzigen Bundesland annähernd erreicht.“ Bleibt noch ein deutliches Ost-West-Gefälle festzustellen: In den neuen Bundesländern liegt die Impfquote bei 52,6 Prozent, in den alten Bundesländern bei 31,2 Prozent.

Die Gründe für niedrige Impfquoten sind vielfältig – dies hat das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) in einer Untersuchung zusammengetragen. Neben dem geringen Risikobewusstsein macht die Diskussion über die angeblich mangelnde Wirksamkeit der verfügbaren Impfstoffe die Runde. „Die Impfung ist eine wichtige und sichere Schutzmöglichkeit, auch wenn ihre Wirksamkeit schwanken kann“, erklärt dazu RKI-Präsident Lothar Wieler. Hinzu kommt die mangelnde öffentliche Unterstützung für das Impfen. Auch Mythenbildung hat nicht gerade das Vertrauen gestärkt – so hält sich wacker die Meinung, dass die Grippeimpfung selbst die Grippe auslösen kann. Wissenschaftlich betrachtet ist das – ein Mythos. Allerdings einer, der sich hartnäckig hält.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) klärt auf ihrer Seite www.infektionsschutz.de über Erregerarten, Übertragungswege, sowie Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten auf.

Große Wissenslücken: Jeder zweite kennt seinen Impfstatus nicht
Schaut man sich andere Infektionskrankheiten an, die durch eine Impfung zu vermeiden wären, sieht das Bild in Deutschland übrigens kaum erfreulicher aus. Dies zeigt eine bevölkerungsrepräsentative Studie des RKI (DEGS1) auf der Basis von Befragungen und Impfpass-Checks. Das RKI: „Der Tetanus- und Diphtherie-Impfstatus Erwachsener ist besser als vor zehn Jahren […], dennoch haben immer noch 28,6 Prozent der Bevölkerung in den letzten zehn Jahren keine Tetanusimpfung und 42,9 Prozent keine Diphtherieimpfung erhalten. Insbesondere bei Älteren, bei Erwachsenen mit niedrigem sozioökonomischem Status und in Westdeutschland bestehen Impflücken. Nur 11,8 Prozent der Frauen und 9,4 Prozent der Männer in Westdeutschland haben innerhalb der letzten zehn Jahre eine Impfung gegen Pertussis (Keuchhusten) erhalten; die Durchimpfung ist in Ostdeutschland doppelt so hoch.“

Das neue Präventionsgesetz soll es nun richten – es ist ja ausdrückliches Ziel des Gesetzes, die Impfquoten zu erhöhen. Ob das gelingt? Die Wissenslücken zumindest sind groß: Das Allensbach-Institut hat herausgefunden, dass jeder zweite Bundesbürger seinen Impfstatus nicht kennt.

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