Künstliche Intelligenz: Die „ungehörte Stimme“ der Patienten

Alles redet von Artificial Intelligence (AI). Die künstliche Intelligenz soll unser Leben verändern – und das gilt natürlich auch für unsere Gesundheit. Viele Milliarden Dollar investieren Google, Apple und Co. in das Maschinenlernen auf Basis großer Datenmengen. Bei aller Technikbegeisterung ist dabei bisher eine Frage auf der Strecke geblieben: Wie stehen eigentlich die Patienten zur AI und ihren Möglichkeiten? Eine Studie hat das jetzt geändert: Sie hat Menschen in Europa und den USA nach ihren Erwartungen und Sorgen gefragt. Für Entwickler von digitalen Gesundheitsleistungen sollte sie Pflichtlektüre sein.

AI gehört zu den Antriebskräften des digitalen Fortschritts; sie gilt als die „neue Elektrizität“ oder auch als die „vierte industrielle Revolution“. Dabei sind selbstfahrende Autos wohl der Teil der AI, der die größte mediale Aufmerksamkeit bekommt. Eher untergegangen sind Beispiele wie diese: Im November 2017 schaffte ein chinesischer Roboter das Medizinexamen. Er war sogar ein kleiner Streber, denn er erzielte 456 Punkte – und damit 96 mehr als benötigt. An der US-Elite-Uni Stanford entwickelten Forscher einen Algorithmus, der bei der Diagnose von Lungenentzündungen auf Basis von Röntgenaufnahmen besser war als ein Radiologe. Offenbar schafft es der Rechner die „intrinsischen Limitationen menschlicher Wahrnehmung und Voreingenommenheit zu überwinden“, wie es ein Forscher ausdrückt. Geoffrey Hinton, er gilt als eine Art AI-Ikone, hat deshalb bereits vorgeschlagen, auf die Ausbildung weiterer Radiologen zu verzichten – für ihren Beruf sieht er keine Grundlage mehr.

In diesem Fall hat sich das Mathegenie wohl verrechnet. Denn die Medizin ist nicht wie Autofahren – man kann nicht einfach den Arzt durch einen Rechner ersetzen. Einige Mediziner sehen deshalb in der AI weniger die Gefahr, ersetzt zu werden, sondern interpretieren sie als Chance. Statt die Zeit mit der Auswertung von Daten verbringen zu müssen – das übernimmt in Zukunft der Rechner – ist das medizinische Know-how des Arztes bei der Interpretation gefragt. Am Ende könnte er durch AI wieder mehr Zeit für den Patienten haben.

DEFINITIONSVERSUCH:

Künstliche Intelligenz / Artificial Intelligence (AI)

Teilgebiet der Informatik, das sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens und dem Maschinenlernen befasst. In der Studie ist AI definiert als die Fähigkeit von Computern Dinge zu tun, die normalerweise menschliche Intelligenz erfordern, z. B. die menschliche Sprache zu verstehen, strategische Spiele wie Schach zu spielen, ein selbstfahrendes Auto zu dirigieren oder komplexe Daten zu interpretieren.

Technikbegeisterung trifft auf Zurückhaltung

Geht es um Chancen und Risiken von maschineller Lernfähigkeit, prallen zwei Welten aufeinander: Die Silicon-Valley-Denke des „alles ist möglich – und zwar schnell“ trifft auf die Welt der Medizin, die es eher vorsichtig angehen lässt. „Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man einen Taxifahrer ersetzt oder einen Arzt mit jahrelanger Ausbildung und persönlichen Beziehungen zu seinen Patienten“, heißt es in der Untersuchung. Das sieht auch die Mehrheit der Befragten so. Für die Studie „Artificial Intelligence for Authentic Engagement“ hat die Agentur Syneos Health Communications 1.000 Patienten und Pflegekräfte in Europa (davon 160 aus Deutschland) und den USA interviewt. Dabei hat sie sich auf diese vier Indikationen konzentriert: Befragt wurden Patienten mit Vorhofflimmern, Diabetes Typ 2 und Brustkrebs sowie Pflegekräfte von Parkinson-Patienten.

Die Gruppe der Befragten war gut vernetzt – und das gilt auch für die älteren Patienten, die in der Studie 65 Jahre oder älter waren. Über 70 Prozent haben einen Laptop, 60 Prozent ein Smartphone, jeder zweite ein Tablet: Die Mehrheit der Generation 65+ ist von der digitalen Welt nur einen Klick entfernt. Wenn sie nach Gesundheitsinformationen suchen, ist für mehr als die Hälfte der Befragten „Dr. Google“ die erste Adresse.

Gute digitale Vernetzung heißt aber nicht, dass die Menschen dieser „künstlichen“ Welt uneingeschränkt positiv gegenüberstehen. Zwar geben fast zwei Drittel (64 %) der befragten EU-Bürger an, dass sie von den Möglichkeiten der AI in der Gesundheitsversorgung begeistert oder immerhin ein wenig begeistert sind. Gleichzeitig sagen aber auch 57 Prozent von ihnen, dass sie ein wenig oder sehr besorgt sind. Das dürfte auch an Aussagen wie von Technikguru Hinton liegen, der Ärzte gleich ersetzen will. Die Studie ist auch ein Beleg dafür, dass die Patienten genau das nicht wollen: „Einfach gesagt: Es scheint, dass die Patienten ihre Ärzte nicht durch Algorithmen oder Roboter ersetzt sehen wollen“, so die Studienautoren.

Nein zum Ersatz von Ärzten, Ja zum Einsatz digitaler Assistenten

Ihnen vorzuwerfen, Patienten seien wenig aufgeschlossen, wenn es um den nächsten Schritt in der digitalen Revolution geht, wäre trotzdem zu kurz gesprungen. Gerade Menschen mit chronischen Erkrankungen, die fortlaufend und lebenslang mit den unterschiedlichsten Akteuren in einem oftmals als kompliziert wahrgenommenen Gesundheitswesen interagieren müssen, sehen in digitalen Gesundheitsassistenten einen großen Nutzen. Und zwar nicht nur, um Termine zu vereinbaren, sondern auch, um an den richtigen Ansprechpartner verwiesen zu werden oder fortlaufend Unterstützung und Monitoring zu bekommen – etwa, wenn es um ein Medikament geht, das man einnimmt. Die Patienten scheinen hier vor allem sehr realistisch zu sein – denn Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und Pfleger sind nicht immer ansprechbar: 59 Prozent der Befragten sehen in einem digitalen Unterstützer den Vorteil, dass er rund um die Uhr verfügbar ist. Jeder zweite Befragte aus der EU (48 %) sieht zudem den Vorteil, dass der digitale Pendant die „echte“ Pflegekraft entlasten kann – damit diese Zeit hat für die Menschen, die sie gerade besonders nötig haben. Jeder Fünfte sagt aus, dass es bei manchen, eher delikaten Themen angenehmer sein könnte, mit einem virtuellen Assistenten zu sprechen.

Einem wie Molly. Molly ist ein Avatar, also ein virtueller „Mensch“, den es nur in Form von Bits und Bytes gibt, der aber per Computer und Smartphone immer ansprechbar ist. „Treffen Sie Molly – Ihren virtuellen Assistenten“, heißt es auf der Webseite von Sensely. Molly wurde in den USA erfunden und wird mittlerweile auch in Großbritannien getestet. Sie kann angesprochen oder angeschrieben werden. Sie unterstützt beim fortlaufenden Monitoring von Patienten, kann z. B. mit geeigneten Blutdruckmessern kommunizieren, Termine vereinbaren oder bei der Suche nach dem richtigen Arzt unterstützen. Sogar Bilder können an Molly geschickt werden, die dann von einem Team ausgewertet werden. Ähnlich funktioniert ADA, ein Programm, das in Europa entwickelt wurde. ADA bezeichnet sich als persönlichen Gesundheitspartner: „Hallo, ich bin Ada. Ich kann helfen, wenn Du Dich unwohl fühlst“. Ein intelligenter Ansprechpartner erlaubt es, Symptome abzufragen und entsprechend eine Beratung zu erhalten. In Großbritannien kann man sogar vom AI-gesteuerten Assistenten zu einem richtigen Arzt switchen, wenn es erforderlich ist: Das Angebot ist für Smartphones optimiert und funktioniert auf Textbasis.

Patienten wollen nicht, dass ihre Ärzte ersetzt werden. (© Robert Kneschke – fotolia)

Vertrauen bleibt der Schlüssel

Eines sollten sich die Entwickler von Gesundheitsanwendungen nach Aussagen der Studie hinter die Ohren schreiben: Vertrauen bleibt für die Patienten ein entscheidender Faktor, wenn es um die Bewertung und die Anwendung digitaler Assistenten geht. Hier spielen die klassischen Gesundheitsakteure eine wichtige Rolle: Ärzte, Krankenhäuser, Apotheker. Gerade in Europa ist das Vertrauen in die „Big Four“ (Google, Apple, Amazon, Facebook) ausgesprochen niedrig. Nur 14 Prozent der Befragten gaben an, dass sie einer von den Tech-Giganten zur Verfügung gestellten digitalen Anwendung vertrauen würden – ein Wert, der nach den Skandalen um den Missbrauch von Daten bei Facebook eher noch gesunken sein dürfte. „Ohne die Unterstützung, Empfehlung und die Kontrolle von Ärzten werden AI-Instrumente wahrscheinlich nicht an Fahrt gewinnen“, so die Autoren der Studie.
Wer will, dass AI-Anwendungen im Gesundheitswesen angenommen werden, sollte deshalb auf Zusammenarbeit setzen – das ist die klare Botschaft der Patienten in dieser Studie. Eine „ideale AI-Anwendung“ basiert auf einer „interdisziplinären Koalition, angetrieben von Ärzten, bereitgestellt von Technikunternehmen, unterstützt durch die Gesundheitssysteme und die entsprechenden Patientengruppen“, heißt es in der Studie.

Ein Blick in die Zukunft? Gesundheitsanwendungen auf Basis von künstlicher Intelligenz, so die Erwartung, werden einerseits immer mehr zur Eintrittstür ins Gesundheitswesen – in Form einer niederschwelligen, immer verfügbaren ersten Orientierung. Andererseits werden sich die digitalen Services zu einem ständigen Gesundheitspartner und -begleiter entwickeln, was gerade für chronisch kranke Menschen eine große Erleichterung sein wird. Gesundheitsexperten sehen in ihnen auch ein großes Potenzial für Einsparungen und Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen – gerade in einer Zeit, in der die Baby-Boomer-Generation in die Rente hineinaltert. Eine Herausforderung wird aber sein, in Zukunft die Menschen zu erreichen, die an der Digitalisierung nicht teilhaben oder teilhaben können.

Egal, wie man zu dem Thema steht – der Zug der digitalen Revolution ist nicht aufzuhalten. Deshalb hat der britische Autor und Technik-Philosoph Tom Chatfield wahrscheinlich recht, wenn er sagt: „Vergiss Künstliche Intelligenz – in der schönen neuen Welt von Big Data ist es Künstliche Idiotie, auf die wir achten sollten.“

Top
Zurück