Festbeträge: BAH fordert Systemreform

Otto Normalversicherter, der sein „Krankenversicherungsglück“ in einer der gesetzlichen Kassen (GKV) gefunden hat, braucht sich für Arzneimittelpreise eigentlich nicht zu interessieren – in der Regel kennt er sie nicht einmal. Das würde dann konsequenterweise auch für das Thema Festbeträge gelten. Diese gibt es seit bald 30 Jahren und bezeichnen die Höchstgrenze, die die GKV bereit ist, für ein Medikament oder ein Hilfsmittel zu bezahlen. Wie eine Analyse im Auftrag des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller (BAH) herausgefunden hat, haben Festbeträge aber weitreichende Folgen – gerade auch für Patienten.

Festbeträge gehen nur Arzneimittelhersteller und die Krankenkassen etwas an? Von wegen. Wie die Analyse im Auftrag des BAH zeigt, führen sie bei bestimmten Patientengruppen zu Einschränkungen in der Versorgung, verhindern Innovationsanreize und bewirken, dass immer mehr Patienten zuzahlen müssen. Die mangelnde Differenzierung bei Arzneimittel-Festbeträgen geht vor allem zu Lasten von Kindern und Älteren, so der BAH. „Die Zeche zahlt entweder der Hersteller oder der Patient: der Hersteller, wenn er als Reaktion auf eine Absenkung der Festbeträge – oft bis unter die Wirtschaftlichkeitsschwelle – seinen Preis reduziert. Oder der Patient, der zuzahlen muss, wenn der Hersteller seinen Preis nicht reduziert. Wir brauchen daher dringend eine Grenze, bis zu der höchstens abgesenkt werden darf“, fordert der stellvertretende BAH-Hauptgeschäftsführer Hermann Kortland.

Festbeträge wurden eingeführt, um Geld zu sparen. Geschätzte 7,8 Milliarden Euro sollen es aktuell pro Jahr sein. Sie werden alle zwei Jahre vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) überprüft und angepasst. In der Regel nach unten, wie der BAH anmerkt. Dies hat Folgen: Die Zahl der Arzneimittel, die zuzahlungsbefreit sind, sinken seit Jahren. 2008 waren es noch 11.500, Anfang dieses Jahres nur noch 3.300. „Das entspricht einer Abnahme von über 70 Prozent“, erklärt Christof Ecker, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Ecker + Ecker, die die Analyse für den BAH durchgeführt hat.

Festbeträge haben weitreichende Folgen – auch auf die Versorgung der Patienten (© Africa Studio – fotolia)

Festbeträge sollen eine „in der Qualität gesicherte Versorgung gewährleisten“

Die Festbeträge sollten die Versorgung der Patienten nicht verschlechtern. Vielmehr ergibt sich aus dem Gesetz, dass „(…) Festbeträge (…) so festzusetzen [sind], dass sie im Allgemeinen eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche sowie in der Qualität gesicherte Versorgung gewährleisten“ (§ 35 Abs. 5 Satz 1 SGB V). Aber weil das System starr ist, passiert genau das.

Ein Beispiel: In der Behandlung von Atemwegserkrankungen – wie z. B. Asthma – kommen Inhalatoren zum Einsatz, die immer weiterentwickelt wurden. Dem klassischen Dosieraerosol folgte ein Pulver-Inhalator, der die Koordinierung des Inhalationsprozesses erleichtert und atemzuggesteuert, aber feuchtigkeitsempfindlich ist. Die nächste Stufe ist ein Autohaler, dem Feuchtigkeit nichts ausmacht. Für diese Besonderheit in der Behandlung von Atemwegserkrankungen ist im starren System von Festbeträgen jedoch kein Platz. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Indikationsfeldern müssen für Atemwegspatienten nicht nur Medikamente mit nachgewiesener Wirksamkeit und Sicherheit entwickelt werden, sondern auch innovative technische Verfahren, um die Medikamente dort hinzubringen, wo sie wirken sollen: in der Lunge. Der Zusammenhang zwischen einem modernen Inhalator und einem höheren Therapieerfolg – und damit einer besseren Versorgung – ist längst bewiesen. Im Festbetragssystem wird dies jedoch nicht berücksichtigt – sie kosten alle dasselbe. Ein Anreiz für Unternehmen, solche Inhalatoren immer weiterzuentwickeln, ist das nicht.

Aber auch für Menschen, die schlecht schlucken können, sind die Anforderungen an Medikamente andere; das kann für Kinder gelten oder für ältere Menschen. Sie benötigen beispielsweise einen Saft statt einer Tablette, damit sie ein Arzneimittel überhaupt einnehmen können. Dass dieser Saft aufwendiger herzustellen ist als die Tablette, muss sich in den Festbeträgen widerspiegeln, findet Kortland: „Gerade, wenn ich daran denke, dass aufgrund des demografischen Wandels der Anteil älterer Menschen weiter zunehmen wird, brauchen wir ein Festbetragssystem, das dem auch gerecht wird. Die Medizin der Zukunft wird individualisierter, passgenauer, maßgeschneiderter sein. Ein Festbetragssystem, das diese Entwicklung nicht nachvollzieht, können wir uns auf Dauer nicht leisten.“

Der BAH fordert, das bestehende System weiterzuentwickeln. Denn das derzeitige Festbetragssystem differenziere bei Arzneimitteln nicht ausreichend nach therapierelevanten Kriterien. Das Raster für die Eingruppierung sei zu grob, die Höhe der Festbeträge richte sich im Wesentlichen nach Wirkstoffmenge und Packungsgröße.

Aufwendig hergestellte und damit teure Darreichungsformen erhalten den gleichen Preis wie günstigere. Besonderheiten vulnerabler Patientengruppen, wie Kinder oder ältere Menschen, sollten bei der Festbetragsbildung stärker berücksichtigt werden. Auch Darreichungsformen, die die Therapietreue erleichtern, sind demnach versorgungs- und therapierelevant und müssten sich in der Preisfindung widerspiegeln. Kurz: Eine Systemreform muss dringend her.

Festbeträge (FB) …

  • … wurden 1989 eingeführt.
  • Bezeichnen die Höchstgrenze, die die GKV für bestimmte Arzneimittel und Hilfsmittel bezahlt.
  • Gibt es seit 2004 unter bestimmten Voraussetzungen auch für patentgeschützte Arzneimittel.
Liegt der Preis des Arznei- oder Hilfsmittels über dem Festbetrag, muss der Patient zuzahlen oder auf ein anderes Arznei- oder Hilfsmittel ausweichen.

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