Deutschland im Pflegenotstand

Kaum ein Berufsfeld ist vom demografischen Wandel so stark betroffen wie die Pflege: Während die Nachfrage nach professionellen Pflegekräften steigt, stehen immer weniger junge Menschen für den Beruf zur Verfügung. Eine mäßige Bezahlung sowie ungünstige Arbeitszeiten schrecken viele potenzielle Kandidaten zusätzlich ab. Das Ergebnis: Pflegenotstand. Zügig müssen Lösungen her – da sind sich alle Akteure einig. Wie diese auszusehen haben, ist allerdings umstritten. Das bekommt auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu spüren.

Mindestens 35.000 Kräfte fehlen in Deutschland in der Alten- und Krankenpflege. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Fraktion „Die Grünen“ hervor. Das Gesundheitsministerium bezieht sich bei diesen Angaben auf die Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA). Die tatsächliche Zahl ist vermutlich höher: Schließlich erfasst die BA nur, was auch amtlich gemeldet wurde.

Damit ist es offiziell: In Deutschland herrscht Pflegenotstand. Er ist das Ergebnis mehrerer Faktoren: Da ist zum einen die alternde Gesellschaft – zum anderen ein für Viele eher unattraktives Berufsbild. Mäßige Bezahlung, Wochenend- bzw. Schichtarbeit und eine zunehmende Arbeitsverdichtung spielen hier mit rein. Fachkräfte in der Altenpflege verdienen im Median 2.621 Euro brutto pro Monat; doch die regionalen Unterschiede sind sehr groß: So bekommt etwa eine ausgebildete Pflegerin in Sachsen-Anhalt 1.985 Euro brutto. Außerdem ist die psychische Belastung hoch: Immer mehr Pflegebedürftige treffen auf immer weniger Betreuungspersonen. Hinzu kommt eine zunehmende Bürokratisierung – die das letzte bisschen Zeit raubt.

Mindestens 35.000 Pflegekräfte fehlen in Deutschland. (© juefraphoto – fotolia )

Ein Teufelskreis

Es ist ein Teufelskreis: Durch den Personalmangel vergeht auch den verbliebenen Pflegekräften die Lust auf ihren Beruf. Laut der „Fachkräfteengpassanalyse“ der BA ist ein gemeldetes Stellenangebot „für examinierte Altenpflegefachkräfte und -spezialisten“ im Bundesdurchschnitt 171 Tage vakant. Das bedeutet: Fast sechs Monate lang muss ein Team z. B. nach der Kündigung eines Kollegen auf Ersatz warten – und so lange die fehlende Kraft kompensieren.

So wundert es nicht, dass mehr als jede zweite Pflegekraft in Deutschland kürzlich darüber nachgedacht hat, aus dem Beruf auszusteigen. Dies hatte eine Umfrage der Paul Hartmann AG, ein Anbieter von Medizin- und Pflegeprodukten, unter 300 Pflegekräften ergeben. Als Hauptgründe wurden der andauernde Personalmangel sowie die hohe Arbeitsbelastung genannt. Nur 32 Prozent der Befragten würden den Beruf weiterempfehlen.

Immerhin: Die Zahl der Auszubildenden steigt – von 2015 auf 2016 um 2,1 Prozent. Aber die große Lücke wird das alleine nicht schließen können. Wie aus dem aktuellen Pflegeheim Rating Report hervorgeht, wird bis 2030 die Zahl der Pflegebedürftigen um 34 Prozent auf 4,1 Millionen zunehmen. „Es werden bis zu 400.000 zusätzliche vollstationäre Pflegeplätze benötigt, der Bedarf an Investitionen wird voraussichtlich bis zu 85 Mrd. € betragen. Zusätzlich sind bis zu 475.000 Pflegefachkräfte und Beschäftigte (Vollkräfte) erforderlich“, heißt es seitens des Dienstleisters Deloitte.

Die Politik ist gefragt

Die Politik hat die Notlage inzwischen erkannt. Bereits in der vergangenen Legislaturperiode wurden die Pflegestärkungsgesetze auf den Weg gebracht, um über Leistungserweiterungen und -verbesserungen für Pflegebedürftige die Situation zu verbessern. Vergangenes Jahr wurde außerdem ein Gesetz zur Reform der Pflegeberufe verkündet. Dieses sieht vor, dass die drei bislang getrennten Ausbildungen Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpfleger zusammengeführt werden. Laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) soll das neue Berufs- und Aufstiegsmöglichkeiten eröffnen. Geplant ist, dass der erste Ausbildungsjahrgang 2020 beginnt.

„Auch in den kommenden Jahren werden wir nicht nachlassen, die Pflege und die häusliche Versorgung zu verbessern“, betonte nun die jetzige Regierung im Koalitionsvertrag. Und tatsächlich: Am 23. Mai hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Eckpunkte eines „Sofortprogramms Pflege“ vorgestellt, das zum 1. Januar 2019 in Kraft treten soll. „Die Probleme in der Pflege sind auf jeden Fall inzwischen in der Bundesregierung angekommen, leider sehr spät“, so kommentiert dies Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (DAlzG).

13.000 neue Stellen

Laut Spahn sollen über das Sofortprogramm unter anderem 13.000 neue Stellen in der Altenpflege geschaffen werden – überwiegend finanziert aus Mitteln der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Jansen lobt: „Wir begrüßen, dass die Finanzierung der neuen Stellen nicht zu Lasten der Pflegebedürftigen erfolgen soll.“ Doch ob das ausreicht? Der Sozialverband VdK Deutschland hält mindestens 60.000 zusätzliche Pfleger für notwendig. Laut der Partei „Die Linke“ sind 140.000 Stellen in Krankenhäusern und Altenpflege nötig – allein um „europäischen Durchschnitt“ zu erreichen.

„Allerdings fragt man sich, woher diese neuen Pflegekräfte kommen sollen“, gibt Jansen zu bedenken. „Die Arbeitsbedingungen sind durch die Verdichtung der Arbeit so unattraktiv geworden, dass dieses Arbeitsfeld nicht von heute auf morgen wieder begehrt sein wird.“ Auch Linke-Chef Bernd Riexinger meint: „Ohne bessere Bezahlung wird es nicht mehr Pflegekräfte geben.“ Spahn kündigte dementsprechend unter anderem an, allgemeinverbindliche Tariflöhne in der Altenpflege durchsetzen zu wollen.

Um dem Pflegenotstand auf Dauer Einhalt zu gebieten, müssen die Rahmenbedingungen des Berufsfelds verbessert werden. Die Politik hat das erkannt: „Wir wollen bessere Arbeitsbedingungen für die Pflegekräfte […] durch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, betriebliche Gesundheitsförderung, Entlastung durch die Digitalisierung bei der Bürokratie […]“, zählt Spahn auf. Das Sofortprogramm Pflege solle als erster wichtiger Schritt seitens der Politik das klare Signal setzen: „Ja, es ist verstanden. Wir wollen gegensteuern“.

Pflegenotstand nicht von heute auf morgen lösbar

Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (© Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.)

„Den Mangel an Pflegekräften wird man nicht von heute auf morgen beseitigen können“, meint Jansen. „Allerdings gibt es Einrichtungen, die auch heute schon für Mitarbeitende attraktiver sind als andere, weil z. B. Arbeitszeit flexibel organisiert wird, es Weiterbildungsmöglichkeiten gibt und eine Kultur der Wertschätzung.“ Von der Politik fordert die Geschäftsführerin der DAlzG u.a. mehr Unterstützung für pflegende Angehörige. Und: „Wir wünschen uns […], dass das Miteinander von professioneller Pflege, Angehörigen und dem ehrenamtlichen Sektor besser funktioniert. Für eine Förderung der gegenseitigen Wertschätzung und Kooperation braucht es bessere Konzepte und Strukturen.“

Letztendlich gilt es, die Arbeitsbedingungen „so attraktiv zu machen, dass ausreichend Menschen den Pflegeberuf ergreifen, beibehalten und damit die Versorgung sicherstellen“, wie die Regierung es selbst bereits im Koalitionsvertrag formuliert hat. Dies ist eine große Herausforderung – die insbesondere auch Andreas Westerfellhaus angehen wird. Der ehemalige Präsident des Deutschen Pflegerats ist neuer Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung und vertritt damit die Interessen aller Pflegebedürftigen, Angehörigen und Pflegekräfte. Er begrüßte Spahns Sofortprogramm als ersten Schritt – und mahnte zum zweiten: „Jetzt sofort müssen wir konkrete Vorschläge in Gesetze gießen, wie wir zügig nicht nur mehr Pflegekräfte finanzieren, sondern wie wir sie finden und im Beruf halten.“

Das Sofortprogramm Pflege ist also ein Anfang – und ein Signal. Sollten dem jedoch keine weiteren Schritte folgen, sei es allenfalls ein „Trostpflaster“, das die Dauerkrise in der Pflege nicht heilen könne, wie der Paritätische Wohlfahrtsverband zusammenfasst.

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