Vom Beruf zur Berufung

Thorsten Freikamp ist Überzeugungstäter: Als Geschäftsführer des Bundesselbsthilfeverbandes für Osteoporose e.V. (BfO) setzt er sich für Patienten mit Knochenschwund ein – ein Beruf, der zur Berufung wurde.

Der Bundesgeschäftsführer des BfO: Thorsten Freikamp
(© BfO)

„Ich hatte immer, ständig Rückenschmerzen. Und nichts, auch nicht die Bewegung, hat geholfen. Je stärker die Schmerzen wurden, desto mehr hat man sich zurückgezogen. Ich ging über ein Jahr immer wieder zum Arzt und irgendeiner kam dann mal auf die Idee, die Knochendichte zu messen. Und dann kam die Diagnose raus: Osteoporose.“ Dies ist die Geschichte von Renate Müller, wie sie im Infofilm des BfO erzählt wird. Aber sie ist auch die Geschichte vieler anderer Patienten: Denn bei den meisten bleibt die chronische Erkrankung, die zu porösen und brüchigen Knochen führt, über lange Zeit unerkannt – oft sogar bis zu dem Punkt, an dem Knochen bereits durch geringe Belastungen (z. B. leichte Stürze) brechen. Nur ein Fünftel der Betroffenen in Deutschland wird rechtzeitig und richtig diagnostiziert. Das sei auch im Vergleich zu anderen Ländern erschreckend wenig, erzählt der Bundesgeschäftsführer des BfO, Thorsten Freikamp. Das Problem: Wird der Knochenschwund erst spät erkannt, kann man nicht mehr so effektiv gegen ihn vorgehen, wie es mit einer frühen Diagnose möglich wäre.

Derartige Missstände zu erkennen, ihre Ursachen zu identifizieren und gesundheitspolitisch im Namen der Patienten zu adressieren – das ist die Aufgabe des BfO und von Thorsten Freikamp. Seine Arbeit – der Einsatz für die Betroffenen – ist ihm inzwischen zur „Passion“ geworden, berichtet er. „Ich bin jetzt gut zwölf Jahre dabei. Und man hat schon in dieser Zeit gemerkt, dass sich das Engagement für Patienten auch auf der persönlichen Ebene auszahlt. Die Leute sind dankbar.“

Motivation zieht Freikamp aber auch aus dem Fortschritt, den er seit einiger Zeit in Deutschland beobachtet: „Vor zwölf Jahren war es noch so, dass Patienten eher als abseitiges Modul galten. Mittlerweile sind wir im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) vertreten, sind als Institution im Gesundheitswesen verankert.“

© BfO

Wie erfolgreich sich der BfO hier Gehör verschafft, verdeutlicht ein Antrag, den der Verband im Jahr 2005 beim G-BA stellte. Das Ziel: die Erstattungsfähigkeit der Knochendichte- bzw. DXA-Messung zu erweitern. Bislang hatten die Krankenkassen diese Methodik zur Diagnostik der Osteoporose erst nach dem ersten Bruch übernommen – viel zu spät, um die Erkrankung optimal behandeln zu können. 2013 – fast zehn Jahre später – wurde das, auf den Antrag des BfO hin, geändert: Seitdem wird die Messung auch Menschen, die wegen bestimmter chronischer Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme ein erhöhtes Risiko für eine Osteoporose haben, erstattet. „Das ist schon ein Meilenstein, dass die Erstattungsfähigkeit der DXA-Messung ausgeweitet und in der Krankheitsgeschichte nach vorne verlagert worden ist“, erzählt Freikamp stolz.

Trotzdem ist das Problem der späten Diagnosestellung bis heute nicht gelöst. Woran das liegt? „Zwar hätten nun mehr Leute Anspruch auf eine GKV-finanzierte DXA-Messung, allerdings wird diese nicht flächendeckend angeboten, da eine angemessene Honorierung bisher nicht auf den Weg gebracht wurde“, erklärt der gelernte Jurist.

Auch wenn die strukturellen Voraussetzungen für eine erweiterte Erstattungsfähigkeit der Knochendichtemessung vorhanden sind, so scheitert es letztendlich an einem klassischen „Umsetzungsproblem“, das die Politik noch zu bewältigen hat. Dazu gehört auch, dass die Knochendichtemessung in Deutschland bislang beim Orthopäden angesiedelt ist: „Da geht man nicht so häufig hin“, so Freikamp. Besser macht es da Spanien: Hier bieten die Gynäkologen die Leistung an. „Das macht Sinn, weil Osteoporose insbesondere bei Frauen nach der Menopause auftritt.“

Die mit 15.000 Mitgliedern größte deutsche Patientenorganisation für Osteoporose ist gerade 30 Jahre alt geworden: In all der Zeit hat der BfO viel erreicht. Ein Grund zu feiern ist das allemal. Doch es bleibt viel zu tun, um die Situation der Knochenschwund-Patienten in Deutschland zu verbessern. Trotz dieser Herausforderungen ist Thorsten Freikamp positiv gestimmt: So seien nicht nur die politischen Mitspracherechte, sondern auch die Fördermittel, die die Selbsthilfe von den Krankenkassen erhält, angestiegen: von 0,64 Euro pro GKV-Versicherten in 2015 auf 1,05 Euro in 2016. Das ist ein „erheblicher Zuwachs“, vor allem für einen Verein, der sich zu drei Vierteln aus Mitgliedsbeiträgen finanziert.

 

Steckbrief: Der BfO

  • ist Dachverband für rund 300 Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland
  • hat 15.000 Mitarbeiter
  • wird von Thorsten Freikamp geführt

Aufgabe

  • informiert unabhängig, kompetent und auf dem aktuellen Forschungsstand über das Krankheitsbild Osteoporose
  • vertritt die Interessen der Osteoporose-Patienten im Gesundheitswesen
  • vermittelt Betroffenen Kontakt zu den Selbsthilfegruppen vor Ort
  • hilft bei Aufbau, Organisation und Betreuung von Selbsthilfegruppen
  • schult Therapeuten in der Arbeit mit Osteoporose-Patienten
  • veranstaltet Osteoporose-Gymnastik (Funktionstraining)

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