Rabattverträge für Impfstoffe: Abschied auf Raten

Umstritten waren sie schon lange – mit dem Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz (AMVSG) wurden die Rabattverträge für Impfstoffe nun gestrichen. Ersatzlos. Ärzte können wieder den Impfstoff ihrer Wahl verordnen.

Die Rabattverträge funktionierten so: Eine Krankenkasse (oder eine Gruppe von Krankenkassen) definiert den Bedarf in ihrer Region („Wie viele Dosen brauche ich für die Versorgung der Bevölkerung?“) und schreibt sie öffentlich aus. Hersteller können in der Folge ein Angebot abgeben. Einziges Kriterium ist meist der niedrigste Preis. Der oder die Gewinner der Ausschreibung durften dann für den Ausschreibungszeitraum die jeweilige Region versorgen – alle anderen sind raus. Es ist ein in Deutschland gängiges Instrument für die Kostenkontrolle bei Arzneimitteln. Im Bereich der Impfstoffe waren sie lange umstritten. Denn Impfstoffe sind anders.

Impfstoffe sind biopharmazeutische Produkte, deren Herstellung auf biologischen Prozessen beruht, entsprechend lange Vorlaufzeiten braucht und äußerst komplex ist. Deshalb ist die Anzahl der Impfstoffhersteller verhältnismäßig überschaubar. Vor allem aber gilt: Kurzfristige und kurzzeitige Lieferausfälle können nicht von anderen Herstellern aufgefangen werden. In manchen Indikationen, wie z. B. Grippe, sind Impfstoffe nur in der Saison aktuell, für die sie hergestellt sind, denn Influenzaviren sind Verwandlungskünstler; sie verändern sich ständig. Eine Bevorratung von Impfstoffen macht hier keinen Sinn. Deshalb ist es für eine nachhaltige Versorgung mit Impfstoffen wichtig, dass ein möglichst breites Angebot besteht. Rabattverträge aber wirken dem entgegen. Bereits 2012 sollten sie deshalb abgeschafft werden. Doch damals konnte sich die Bundesregierung nicht zu einem kompletten Verbot durchringen und beschloss lediglich ein Mehranbietermodell für die Rabattverträge. Künftig sollten die gesetzlichen Krankenkassen mit mindestens zwei Herstellern die Versorgung in einer Region verabreden.

Aber auch das neue Modell mit mindestens zwei Herstellern funktionierte nicht, denn die Ausschreibungen führten dazu, dass über zwei Drittel der Patienten in Deutschland mit dem Impfstoff nur eines Herstellers versorgt werden mussten. So blieb das Problem der exklusiven Verträge de facto ungelöst: Exklusive Rabattverträge für Impfstoffe sind mit dem Anspruch einer zuverlässigen Versorgung der Bevölkerung nicht in Einklang zu bringen. Deshalb wurden die entsprechenden Passagen im 5. Sozialgesetzbuch (SGB V) jetzt ersatzlos gestrichen. Ärzte dürfen nun wieder den Impfstoff ihrer Wahl verabreichen. Die Erwartung: Künftig soll wieder ein breiteres Angebot an Impfstoffen zur Verfügung stehen.

Rabattverträge für Impfstoffe sind Vergangenheit. (© GSK)

Rabattverträge berücksichtigen Innovationen nicht

Rabattverträge standen noch aus einem weiteren Grund in der Kritik: Sie berücksichtigten moderne Impfstoffe nicht. Ein klassischer Grippeimpfstoff z. B. enthält Antigene gegen drei Virenstämme. Seit einigen Jahren gibt es aber auch Impfstoffe mit vier Stämmen. Sie können gegen die zirkulierenden Viren einen breiteren Schutz bieten, denn wegen der langen Vorlaufzeiten müssen die zu produzierenden Virenstämme von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits ein halbes Jahr vorher festgelegt werden. Verändern sich die Viren in dieser Zeit stark, kann es zu sogenannten „Mismatches“ kommen: Die Abweichungen sind dann so groß, dass der hergestellte Impfstoff zwar noch wirkt, aber eben nicht mehr so wirksam ist. „In der Grippesaison 2016/17 gingen 60 Prozent der gemeldeten Grippefälle auf den nicht von der WHO vorgegebenen und damit auch nicht im trivalenten, sondern nur im tetravalenten enthaltenen B-Virusstamm zurück. In der Saison 2015/16 waren es sogar 98 Prozent,“ sagt Jens Vollmar, Medizinischer Leiter Impfstoffe bei GSK. Doch den meisten Menschen in Deutschland stand dieser Impfstoff nicht zur Verfügung, denn die Mechanik der Rabattverträge war rein wirtschaftlich ausgerichtet.

„Die Abschaffung der Impfstoffausschreibungen stellt grundsätzlich die bestmögliche Versorgung wieder sicher und gibt den Ärzten die Therapiehoheit für den individuellen Patienten zurück.“ Endlich haben nun auch gesetzlich Versicherte Zugang zu Innovationen, so Vollmar: „Gleichzeitig erhöht sie die Versorgungssicherheit der Bevölkerung durch das breite Angebot aller Impfstoffhersteller.“ Die Ausschreibungen hatten noch einen weiteren Nebeneffekt: Weil den Patienten nicht die Impfstoffe verordnet werden konnten, die für sie am besten geeignet waren, gingen die Impfquoten gegen Grippe zurück. Die Hoffnung der Gesundheitspolitiker ist, dass die Abschaffung der Ausschreibungen diesen Trend umkehrt und langfristig zu höheren Impfraten – und damit zu einer besser vor Infektionskrankheiten geschützten Bevölkerung – führt. Das sieht übrigens auch die Ärzteschaft so: Weil Deutschland zu den Ländern gehöre, das wichtige globale Impfziele bisher nicht erreicht habe, sollte „eine bedarfsgerechte und medizinisch hochwertige Versorgung der Patienten“ im Mittelpunkt stehen, wie es in einer Entschließung des Deutschen Ärztetages heißt. „Dies dient auch der Stärkung des Impfgedankens. Nur wenn Patienten sicher sein können, dass sie bestmöglich geschützt sind, werden sie sich wieder impfen lassen.“

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