Methodenpapier: Das IQTiG muss nachbessern

Die Qualitätssicherung im Gesundheitswesen auf die nächste Stufe heben – das ist die Aufgabe des „Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen“, kurz: IQTiG. Dazu soll es Leitplanken definieren und weiterentwickeln, wie Qualität in ambulanter oder stationärer Versorgung gemessen und verglichen werden kann. Im Februar 2017 hat es dazu die erste Version seiner „Methodischen Grundlagen“ vorgelegt. Es beschreibt die wissenschaftliche Basis, auf deren Grundlage das IQTiG seiner Arbeit nachgehen will. Die Kritik an der ersten Version ist deutlich.

Nein, es ist kein Tippfehler. Das IQTiG gibt es wirklich. Es ist nicht zu verwechseln mit dem ungleich bekannteren großen Bruder IQWiG*: Die beiden zu unterscheiden ist laut Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, ganz einfach: „Das IQWiG schaut auf das, was ins System hineinkommt, das IQTiG wird auf das schauen, was im System beim Patienten ankommt.“ Das Methodenpapier soll dazu die wissenschaftliche Basis schaffen. Eine erste Version hatte das Berliner Institut im Februar veröffentlicht. Dort ist dokumentiert, wie sich das Institut seine Arbeit vorstellt – „Grundlagen der gesetzlichen Qualitätssicherung“ sind genauso Thema wie „Entwicklung und Durchführung von Qualitätssicherungsverfahren“ und natürlich „Methodische Elemente.“ Das Methodenpapier soll den Beweis erbringen, dass das Institut seine Aufgaben auf Basis der maßgeblichen, international anerkannten Standards der Wissenschaften auf transparente Weise erfüllt. Einrichtungen des Gesundheitswesens, Patientinnen und Patienten und deren Vertreter sowie fachkundige Einzelpersonen waren gebeten, zu den 150 Seiten per E-Mail Stellung zu nehmen. Davon haben viele Gebrauch gemacht.

Sehr deutlich fällt die Reaktion des Deutschen Netzwerkes für Versorgungsforschung (DNVF) aus. Die Abhandlung bleibe auf allgemeinem Niveau: „Zentrale Begriffe werden nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechend definiert, eingeführt und verwendet. Die Darstellung bewegt sich über weite Strecken auf dem Niveau einführender Lehrbuchkapitel.” Für das Netzwerk von Fachgesellschaften ist „der vollständige Verzicht auf eine patientenseitige Bewertung der (Ergebnis-)Qualität“ nicht nachvollziehbar. Darin spiegele sich „die letztlich insgesamt eher halbherzige Patientenbeteiligung“ wider. Das DNVF bilanziert: Das Methodenpapier bedarf einer „grundlegenden Überarbeitung.“

„Halbherzige Patientenbeteiligung“

Auch die Deutsche Diabetes-Gesellschaft „bittet“ um eine Überarbeitung des Methodenpapiers. Die DDG kritisiert, dass wissenschaftliche Fachgesellschaften und patientennahe Berufsgruppen nicht eingebunden sind. „Eine strukturierte, transparente und prozedural festgelegte Einbindung der Interessensvertretungen ärztlicher und pflegerischer Belange sowie Betroffener halten wir bei jeglichen Maßnahmen zur Qualitätssicherung für essentiell.“ Zwar werde in dem Papier ausdrücklich darauf eingegangen, dass mit Hilfe von sogenannten „Fokusgruppen“ die Patientensicht methodisch berücksichtigt werden soll. Aber die Definition blieb unklar „und Betroffene selbst werden im Verfahren nicht stimmberechtigt (dies gilt auch für den G-BA) eingebunden“, so die DGG.

In Kapitel 4.4 von Teil B des Methodenpapiers setzt sich das IQTiG explizit mit dem Einsatz von Patientenbefragungen bzw. von Fokusgruppen im Rahmen von Qualitätssicherungsverfahren auseinander. „Die Qualität einer Behandlung, die für Patientinnen und Patienten durchgeführt wird, soll nicht ohne die Stimme der Patientinnen und Patienten selbst beurteilt werden“, heißt es da. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) begrüßt dies ausdrücklich, kritisiert in ihrer Stellungnahme dann aber über drei Seiten methodische Mängel, vermisst Konkretisierungen bei der Entwicklung der Fragebögen und schließt sich der allgemeinen Kritik an: „Der Bericht kann allenfalls als erste Skizze für ein ausführliches wissenschaftliches Methodenpapier dienen.“

Die Aufgabe des IQTiG: Qualitätssicherung im Gesundheitswesen (© spotmatikphoto - fotolia)

Das IQTiG muss nachbessern

„Die patientenzentrierte Versorgungsqualität ist der zentrale Leitbegriff für die Gesundheitsversorgung“, schreibt das IQTiG in seinem Methodenpapier. Was zunächst einmal eine Selbstverständlichkeit sein sollte, wirft bei vielen Fachgesellschaften Fragen auf. Die Bundesärztekammer etwa konstatiert, dass sich nur vage erschließt „was das IQTiG unter einer patientenzentrierten Qualitätssicherung […] genau versteht.“ Die Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR) hingegen hört aus dem IQTiG-Papier unterschwellig die Pauschalkritik einer mangelnden Patientenzentrierung in der bisher gelebten Qualitätssicherung heraus. Sie vermisst, dass die Patienten nicht mehr in die Pflicht genommen werden: „Neben den hohen Anforderungen an die ärztlichen Behandler vermissen wir aber auch Anmerkungen zur Verantwortung des Patienten für seine eigene Gesundheit.“ Schließlich könne man oft nur dann erfolgreich behandeln, wenn Patienten bereit wären „einen Beitrag hin zu einem gesünderen Lebensstil zu leisten.“

Ein erster Entwurf muss nicht vollständig ausgereift sein – darüber sind sich alle einig. Aber wie ein roter Faden zieht sich eine gewisse Enttäuschung über diesen ersten Aufschlag des IQTiG durch die Stellungnahmen: Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) sieht „substantielle Verbesserungspotenziale“. Und die KBV „bedauert“, dass zwei Jahre nach Gründung des Instituts nur ein „knapper Bericht“ vorliegt, der „deutliche Lücken“ aufweist.

Steckbrief: Das IQTiG
  • fachlich unabhängiges, wissenschaftliches Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen
  • gegründet im Januar 2015 mit Sitz in Berlin
  • rund 130 Mitarbeiter

Aufgabe
Erarbeitung von Maßnahmen zur Qualitätssicherung und zur Darstellung der Versorgungsqualität im Gesundheitswesen – im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA)

Ziel
Behandlungsqualität in der ambulanten und stationären Versorgung kontinuierlich verbessern, vorhandene Schwachstellen erkennen und Qualitätsvergleiche ermöglichen

https://www.iqtig.org

* Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen

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