Innovationsfonds: Beginnt jetzt ein neues Zeitalter für die Patientenversorgung?

Über Mangel an Arbeit braucht sich der Expertenbeirat des Innovationsfonds nicht zu beklagen. 296 Projektskizzen liegen nach dem Ende der ersten Antragsfrist zur Begutachtung vor. Nach Monate langer Vorarbeit wird es jetzt konkret – die erste Förderwelle des Innovationsfonds ist angestoßen. Der Zeitdruck ist enorm: Bereits im vierten Quartal 2016 sollen die ersten Förderbescheide verschickt werden.

 

 

300 Millionen Euro pro Jahr für eine bessere Versorgung: Innovationsfonds soll Ideenwettbewerb in Gang setzen.
© RomoloTavani – istockphoto.com

Auch die nächste Förderbekanntmachung ist bereits veröffentlicht: Noch bis zum 19. Juli läuft die Antragsfrist für Modelle mit Delegation und Substitution von Leistungen, für Auf- und Ausbau der geriatrischen Versorgung, für die Verbesserung der Kommunikation mit Patientinnen und Patienten und Förderung der Gesundheitskompetenz, sowie für Versorgungsmodelle für Menschen mit Behinderungen.

Auch wenn noch kein einziges Projekt Geld erhalten hat: Allein die Tatsache, dass es den Fonds gibt, hat einen bundesweiten Ideenwettbewerb in Gang gesetzt. Ein hoher Anteil der bisher eingereichten fast 300 Projektskizzen richtet sich auf das Themenfeld „Qualitätssicherung und / oder Patientensicherheit in der Versorgung“, gefolgt von „Einsatz und Verknüpfung von Routinedaten zur Verbesserung der Versorgung“. Es tut sich also etwas in Sachen Versorgungsforschung und -formen.

Ist auch kein Wunder; schließlich sind 1,2 Milliarden Euro sehr viel Geld. So viel, nämlich 300 Millionen Euro pro Jahr, sollen in Deutschland bis 2019 aus dem Innovationsfonds in das Gesundheitssystem investiert werden. Der Großteil der Summe (225 Millionen Euro pro Jahr) fördert neue Versorgungsformen, der Rest ist für die Versorgungsforschung vorgesehen. Mehr Qualität, bessere Versorgung, das System demografiefest und zukunftssicher machen: Das sind die politischen Ziele dieses Fonds. Das Geld kommt zur Hälfte aus dem Gesundheitsfonds. Die andere Hälfte müssen die Krankenkassen aufbringen.

300 Millionen Euro pro Jahr sind viel Geld

Aber vielen Beteiligten ist auch klar: Geld allein wird es nicht richten. Es kommt entscheidend darauf an, ob die geförderten Projekte auch gut durchdacht sind. Auf dieses Risiko hatte Mirjam Mann, Geschäftsführerin der Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE) e. V., bereits in einem Interview mit dem Patientenbrief im März 2015 hingewiesen: „Der Innovationsfonds hat sicher das Potenzial, neue Impulse für mehr Patientenorientierung zu setzen. Er hat allerdings leider auch viel Potenzial, dies nicht zu erreichen. Die verfügbare Fördersumme versetzt die verschiedenen Akteure in Wallungen […]. Es besteht die Gefahr, dass in erster Linie Projekte von gut vernetzten sowie personell und technisch gut ausgestatten Akteuren gefördert werden, insbesondere wenn die Entscheider sich außerdem sofortige und direkte Kostenersparnisse erhoffen.“ Bessere Versorgung koste aber erstmal mehr Geld.

Dr. Ilona Köster-Steinebach vom Bundesverband Verbraucherzentrale war erst einmal begeistert, als sie das erste Mal davon hörte. Denn: „Wir haben bis heute keinen wirklich guten Prozess dafür, wie insbesondere organisatorische Innovationen in das Gesundheitssystem kommen“, sagt sie. Ob nun Überwindung von sektoralen Hemmnissen, das patriarchalische Verhältnis zwischen Arzt und Patient oder der Faktor der Digitalisierung in etablierten Versorgungsabläufen: „Die Beharrungskräfte sind groß, das System ist strukturkonservativ“. Für sie ist deshalb erfolgsentscheidend, ob es mit den Projekten gelingt, diesen Struktur-Konservativismus aufzubrechen. Außerdem wird aus Projekten, die ja per Definition erstmal nur vorläufigen Charakter haben, nur dann ein dauerhafter „Patientensegen“, wenn es gelingt, sie in die Regelversorgung zu überführen. Hier sieht Dr. Köster-Steinebach aber erhebliche Probleme: Die Projekte werden ja in der Regel nur für drei Jahre gefördert – aus ihrer Sicht ist das eine äußerst knappe Zeit, um meist komplexe Strukturen aufzubauen und sie so ins Laufen zu bekommen, dass am Ende eine seriöse Evaluation möglich ist. „Ich sehe die Gefahr, dass viele Modelle gerade erst richtig laufen, wenn das Geld aus dem Fonds nicht mehr fließt. Das gefährdet die Nachhaltigkeit – es fehlt ein Transmissionsmechanismus in die Regelversorgung.

Förderkriterien neue Versorgungsformen

  • Verbesserung der Versorgungsqualität und -effizienz
  • Behebung von Versorgungsdefiziten
  • Optimierung der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit
  • Übertragbarkeit der Erkenntnisse
  • Verhältnismäßigkeit von Implementierungskosten und Nutzen
  • Evaluierbarkeit und Umsetzungspotenzial
Quelle: Verfahrensordnung Innovationsfonds

Für die Interessen der Patienten streiten

Aber trotzdem oder gerade deswegen: „Wir brauchen den Innovationsfonds!“, sagt Dr. Ilona Köster-Steinebach. Ihr ist kein Land bekannt, wo so viel Geld in die Hand genommen wird, um neue Versorgungsmodelle oder die Versorgungsforschung voranzutreiben und zu erforschen. Zusammen mit Dr. Martin Danner von der BAG Selbsthilfe ist sie für die Patientenseite nicht stimmberechtigtes Mitglied im Innovationsausschuss und beide werden für deren Interessen streiten. Dr. Danner: „Es kommt darauf an, dass die vom Innovationsausschuss geförderten Vorhaben auch tatsächlich nachhaltig den Patientinnen und Patienten zugutekommen. Dafür werden wir uns mit Nachdruck einsetzen.“

Patientenorganisationen sind nach § 140f SGB V antragsberechtigt. Dabei gibt es zwei Verfahren: Das einstufige Verfahren (für neue Versorgungsvorhaben) sieht das Einreichen eines kompletten Antrages vor, der vom Expertenrat binnen sechs Wochen geprüft und dem Innovationsausschuss zur Entscheidung vorgelegt wird. Das zweistufige Verfahren (für die Versorgungsforschung) sieht zunächst lediglich das Einreichen einer Projektskizze vor. Diese wird auf Vollständigkeit geprüft. Wird sie positiv beschieden, kann ein förmlicher Förderantrag gestellt werden. Das klingt zwar aufwändiger, erspart aber das Erstellen von Projektanträgen, die eventuell sowieso keine Chance haben. Für alle Anträge gilt: Man sollte in der Regel eine Krankenkasse mit an Bord haben. Das genaue Verfahren sowie die entsprechenden Fristen und Anforderungen werden in den jeweiligen Förderbekanntmachungen veröffentlicht. Ebenfalls veröffentlicht sind die förderungswürdigen Themenfelder. Dort finden sich neben dem Leitfaden für die Antragsstellung auch Antragsformulare, Formblätter und Kalkulationsschemata als Hilfestellung für die Berechnung von Implementierungskosten und Nutzen.

Förderkriterien Versorgungsforschung

  • Relevanz für die Versorgungsqualität und -effizienz
  • Behebung von Versorgungsdefiziten in der GKV
  • Wissenschaftliche und methodische Qualität
  • Qualifikation der Antragstellenden
  • Angemessenheit der Ressourcen

Quelle: Verfahrensordnung Innovationsfonds

Innovationsfonds:
So funktioniert das Antragsverfahren


Quelle: www.bmcev.de

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