Die Postleitzahl als Gesundheits-Indikator

Es gibt Landkreise, die gelten als „operationsfreudiger“ als andere. Frauen, die wegen ihrer Demenz behandelt werden, haben eine um 19 Prozent geringere Chance als Männer, ein Antidementivum zu erhalten. Bei der Behandlung von schweren Depressionen gibt es ein starkes Ost-West-Gefälle. Die regionalen Unterschiede in der medizinischen Versorgung sind in vielen Bereichen groß – zu groß, um sie medizinisch erklären zu können.

Einstellungen, Strukturen, Gewohnheiten bestimmen vielfach das regionale Versorgungsgeschehen. © GSK

08056 – eine Nummernfolge, die für Menschen mit schwerer Depression mehr ist als eine Postleitzahl. Der Postbote findet damit die Stadt Zwickau. Ein Gesundheitsexperte hingegen weiß, dass dort nur rund jeder achte diagnostizierte Patient (13 Prozent) eine Therapie nach den nationalen Leitlinien erhält. Besser behandelt werden diese Menschen, wenn sie im PLZ-Bereich 48143 (Münster) leben. Die Zahl der angemessen Behandelten ist dreimal so hoch. Diese Daten hat der „Faktencheck Gesundheit“ der Bertelsmann-Stiftung zusammengetragen. Sie sind ein Beispiel dafür, dass Versorgungsschemata regional tief verankert sein können. Gewohnheit bestimmt hier das Versorgungsgeschehen – Leitlinien sind es offenbar nicht. Natürlich gibt es Versorgungsunterschiede, die gut erklärbar sind. Überdurchschnittlich viele Demenzkranke im Osten der Republik sind schlicht Demografie-bedingt: Wo die Bevölkerung älter ist, kommen auch mehr Demenzkranke vor. Aber warum werden Frauen anders behandelt als Männer? Sie haben eine über 74 Prozent höhere Chance, ein Antidepressivum zu erhalten als Männer – aber eine um 19 Prozent geringere, mit einem Antidementivum behandelt zu werden. Überhaupt gilt: Antipsychotika und Antidepressiva werden – prozentual gesehen – in den alten Bundesländern öfter verordnet als in den neuen. Diese Fakten stammen aus dem Versorgungsatlas.

Doppelt so viel Antibiotika im Nordosten wie im Süden

Auch bei der Versorgung von Kindern mit Antibiotika gibt es große Unterschiede – in diesem Fall ist es ein Nord-Süd-Gefälle: „Kinder im Nordosten Deutschlands erhalten doppelt so häufig Antibiotika wie im Süden“, titelte der „Faktencheck Gesundheit“. In einigen Landkreisen im Osten Mecklenburg-Vorpommerns erhält jedes zweite Kind bis 17 Jahre mindestens einmal ein Antibiotikum verordnet – das ist doppelt so viel wie in bestimmten Landkreisen im südlichen Bayern. Eine Untersuchung über die möglichen Hintergründe dieser Verordnungspraxis fand zudem heraus, dass Antibiotika häufig bei akuter Mittelohrentzündung, fiebriger Erkältung oder Grippe eingesetzt werden. Das ist doppelt schlecht: Denn wo es sich um virale Infekte handelt, helfen Antibiotika gar nicht. Im Gegenteil: Ihre unsachgemäße Anwendung befeuert eine der größten Herausforderungen der öffentlichen Gesundheit unserer Zeit: das so genannte Post-Penicillin-Zeitalter, beschrieben als ein Zustand, in dem immer mehr Antibiotika ihre Wirkung verlieren. Und auch das zeigte die Untersuchung: Allgemein-, Kinder- und HNO-Ärzte haben ein deutlich voneinander abweichendes Verschreibungsverhalten. Dabei gibt es auch hier Leitlinien.

Wie oft ein Kind in Deutschland Antibiotika erhält, ist auch eine Frage des Wohnortes.© gpointstudio - istockphoto.com

Starke Abweichungen auf Kreis- und Landesebene

Dies sind nur einige Beispiele. Es gibt auch eklatante regionale Unterschiede bei Kaiserschnitten (17 Prozent der Geburten in Dresden, aber 51 Prozent in Landau (Pfalz)), bei Mandel- und Blinddarmoperationen (manche Kreise nehmen sie bis zu achtmal häufiger heraus als andere) oder Prostata-Entfernungen. Die Chance (oder das Risiko) einer Kniegelenkersatzoperation ist offenbar eine Frage der sozioökonomischen Lage – wohlhabendere Landkreise haben eine deutlich höhere Operationsrate, wie die Bertelsmann-Stiftung festgestellt hat. Und manchmal ist es eine Frage von wenigen Kilometern: Der Kreis Ansbach (Bayern) setzt neue Kniegelenke 50 Prozent häufiger ein als im Bundesdurchschnitt. Ganz anders die Lage im benachbarten Schwäbisch Hall (Baden-Württemberg): Die Chance auf ein neues Knie reduziert sich auf der knapp 20-minütigen Fahrt zwischen Ansbach und Crailsheim – statistisch betrachtet – um über 50 Prozent. Es dürfte schwerfallen, dafür eine medizinische Begründung zu finden. Landes- und Kreisgrenzen können auch entscheidend sein, wenn es um den Impfschutz geht. Der Rhein-Kreis Neuss (NRW) erreicht bei der zweiten Masernimpfung bis zum Alter von 24 Monaten eine Impfquote von 86,8 Prozent, gehört damit zu den Top 5 der impffreudigsten Kreise und reißt doch das Ziel der 95 Prozent, die es für eine Eliminierung braucht. Am anderen Ende der Skala rangiert zum Beispiel Rosenheim. Hier hat nur jedes zweite Kleinkind (49,8 Prozent) die zweite Masernimpfung erhalten. Einen medizinisch nicht begründbaren Versorgungsflickenteppich bietet sich auch bei der HPV-Impfung. Im Stadtkreis Kaufbeuren hatten nach Auswertungen des Versorgungsatlas’ exakt 0,0 Prozent der 12-jährigen (k)eine erste Dosis erhalten – im 650 Kilometer entfernten Brandenburg an der Havel hingegen schon jedes fünfte Mädchen (21,8 Prozent). Erklärungen dafür sind nicht einfach, aber es dürfte sich neben der Einstellung zum Impfen im Allgemeinen auch um strukturelle, vom Gesundheitssystem selbst fabrizierte Probleme handeln. In Bayern z. B. sind die HPV-Impfstoffe immer noch nicht über den Sprechstundenbedarf zu verordnen – eine organisatorisch-administrative Hürde, die weder nachvollziehbar noch im Sinne eines möglichst hohen Impfschutzes ist.

Ein Mehr an Versorgungsforschung ist geboten

Den „Therapiefaktor Wohnort“ hat auch die Deutsche Krebsgesellschaft zum Thema gemacht. Dabei zeigt sich, dass Flickenteppiche auch positiven Einfluss auf das Versorgungsgeschehen haben können. In der Onkologie sind spezialisierte Zentren „sonstigen Einrichtungen“, also z. B. weniger spezialisierten Kliniken, deutlich überlegen. Die Spezialisierung, die ja immer auch eine Regionalisierung ist, senkt die Mortalitätsraten nach Operationen deutlich und erhöht die Chancen auf Heilung. Nur: Der Patient muss es halt wissen, ob das angesteuerte Krankenhaus nun ein Spezialist ist oder nicht. Deutschlands Gesundheitssystem steht im internationalen Vergleich gut da – das zeigen auch die Ländervergleiche, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) anstellt. Aber auch die OECD stellt fest, dass selbst in leistungsstarken Gesundheitssystemen der Wohnort entscheidend sein kann, wenn man eine bestimmte medizinische Versorgung benötigt. Die Gründe für die Ungleichgewichte sind zahlreich – aber oft ungeklärt. Ein Mehr an Versorgungsforschung ist dringend notwendig. Denn Versorgungsunterschiede bedeutet ja nicht nur einfach, dass es regional Auffälligkeiten gibt. Sie zeigen auch in eklatanter Weise Effizienz- und Qualitätsdefizite – und zwar sowohl in Richtung Über- wie in Richtung Unterversorgung.


Regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung:
Zu groß um medizinisch erklärbar zu sein.

* bei Kindern und Jugendlichen
Quelle: www.faktencheck-gesundheit.de | Bertelsmann-Stiftung

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