Digitalisierung des Gesundheitswesens: „Es lohnt sich.“

Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey zeigt: Bis zu 34 Milliarden Euro könnten jährlich im deutschen Gesundheitswesen durch den Einsatz digitaler Technologien eingespart werden. Angesichts einer alternden Gesellschaft und steigender Kosten birgt die Digitalisierung ein großes Potenzial. Aber was haben die Patienten davon – und wie ist ihre Haltung zu dem Thema?

„Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich Ihnen, haben Sie gut geschlafen? Es ist acht Uhr und Zeit für Ihre Morgengymnastik!“ So oder so ähnlich startet Lio in den Tag – er arbeitet in der Pflege. Dabei ist er nicht viel mehr als einen Meter groß. Doch er spricht mit seinen Patienten, erinnert sie an die Medikamenteneinnahme oder bringt ihnen Essen. Lio ist kein Mensch. Er ist ein Service-Roboter – der auch in brenzligen Situationen da ist: Er erkennt, wenn z. B. ein Altenheimbewohner gestürzt ist, und ruft das Personal.

Gerade angesichts des Pflegenotstands in Deutschland kann Lio eine Entlastung der Menschen darstellen – ohne sie ersetzen zu können. Digitale Helfer und andere digitale Technologien bergen zudem ein enormes Kosteneinsparpotenzial. Die Unternehmensberatung McKinsey hat in der Studie „Digitalisierung im Gesundheitswesen: die Chancen für Deutschland“ in Kooperation mit dem Bundesverband Managed Care e.V. (BMC) 26 digitale Gesundheitstechnologien aus ökonomischer Sicht analysiert. Das Ergebnis: Mit ihnen ließen sich bis zu 34 Mrd. Euro jährlich und damit rund zwölf Prozent der gesamten jährlichen Gesundheits- und Versorgungskosten einsparen.

Elektronische Patientenakte

„Das Potenzial von 34 Mrd. Euro setzt sich einerseits aus Effizienzsteigerungen, andererseits aus Reduzierung unnötiger Nachfrage zusammen“, erklärt Stefan Biesdorf, Partner bei McKinsey. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass Doppeluntersuchungen und unnötige Krankenhauseinweisungen vermieden werden. Die größte Einsparmöglichkeit mit allein 6,4 Mrd. Euro jährlich bietet die Umstellung auf eine einheitliche elektronische Gesundheitsakte, in der alle Patienteninformationen gespeichert sind. Sie ermöglicht „schnellere, reibungslosere Abläufe zwischen Leistungserbringern“, heißt es. „Patienten werden die elektronische Gesundheitsakte (eGA) aber nur akzeptieren, wenn sie die Kontrolle über ihre Daten behalten, also selber entscheiden, welcher Arzt oder welches Krankenhaus darauf Zugriff bekommen“, weiß Biesdorf.

Gemeinsam mit dem elektronischen Rezept kommt der eGA eine Schlüsselfunktion in der Digitalisierung zu, so McKinsey. Da passt es, dass Gesundheitsminister Jens Spahn aufs Tempo in Sachen Digitalisierung drücken will. So verkündigte er, bis 2020 das E-Rezept auf den Weg zu bringen; Ärzte sollen Arzneimittelverordnungen dann digital ausstellen können.

Pfleger und Senior
Digitale Helfer können Pflegekräfte nicht ersetzen – aber unterstützen. (© Tyler Olson – Adobe Stock)

Digitale „Perlenkette“

Für McKinsey spielen E-Rezept und eGA eine wichtige Rolle in einer digitalen „Perlenkette“. Damit gemeint ist eine umfassende Vernetzung der einzelnen digitalen Gesundheitshelfer entlang der „Patientenreise“. Ein Beispiel: Ein Betroffener nutzt eine App für das Management seiner Medikamente; diese leitet ihn bei dem Hinweis auf ungewöhnliche Symptome an eine App zur Online-Diagnose weiter. Hier wird ihm zu einem Online-Arztgespräch geraten, an dessen Ende er ein E-Rezept erhält, welches er in Online- oder Offline-Apotheken abgeben kann. Im Zentrum des Datenaustausches steht die eGA.

„Deutschland diskutiert noch, unsere Nachbarn sind schon weiter“, stellt die Unternehmensberatung jedoch in Bezug auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens fest. „In Österreich begleitet ELGA, die elektronische Gesundheitsakte, die Bürger von Arzt zu Arzt und in das Krankenhaus. In Schweden, Dänemark und Estland verschicken Ärzte elektronisch Rezepte an Patienten oder gleich an die Apotheke […]. Und der staatliche britische Gesundheitsdienst NHS kooperiert mit Google, um mithilfe künstlicher Intelligenz den riesigen Datenschatz über Behandlungserfolge und Krankheitsverläufe […] nutzbar zu machen.“

Digitalisierung als Chance

McKinsey weiß, dass digitale Technologien sehr viel mehr können, als nur Kosten zu senken. Teleberatungen als webbasierte Interaktionen zwischen Arzt und Patient bergen neben einem jährlichen Einsparpotenzial von 4,4 Mrd. Euro auch die Möglichkeit den Personalmangel v. a. in ländlichen Regionen zu entschärfen. Angebote der Patientenselbstbehandlung wie z. B. digitale Diagnoseinstrumente können zudem einen persönlichen Mehrwert für die Patienten darstellen: Da „sie dadurch […] selbstständig ihren Weg durch das Gesundheitssystem einschlagen können“, heißt es in der Studie.

Teleberatung
Teleberatungen könnten den Personalmangel v. a. in ländlichen Regionen entschärfen. (© agenturfotografin – Adobe Stock)

Aber was ist mit den Bürgern und Patienten selbst? Wie stehen sie der Digitalisierung gegenüber? Eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom mit mehr als 1.000 Personen ab 18 Jahren in Deutschland zeigt: „Vor dem Hintergrund des eklatanten Fachkräftemangels […] sehen sieben von zehn Deutschen (71 %) die Digitalisierung der Pflege als große Chance.“ Über die Hälfte wünscht sich einen verstärkten Einsatz von digitalen Anwendungen in diesem Bereich. Die Befragten sind auch offen gegenüber unkonventionellen Wegen: 41 Prozent könnten sich durchaus vorstellen, sich zumindest zeitweise von einem Roboter pflegen zu lassen. Müssten sich die Befragten entscheiden, ob sie sich in einem Heim pflegen oder zuhause durch digitale Technologien überwachen und helfen lassen, würde über ein Drittel „auf jeden Fall“ die zweite Variante vorziehen. „Die Menschen in Deutschland wollen digitale Anwendungen in der Pflege“, bestätigt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Bei der Pflege 4.0 geht es nicht darum, Pflegekräfte einzusparen, sondern um ein Miteinander von digitalen Helfern und menschlicher Zuwendung.“

Menschen nicht ersetzbar

Außer Frage steht, dass die Bürger in Bezug auf die Digitalisierung auch Bedenken haben. 57 Prozent betrachten das Thema „Datenschutz und Datensicherheit“ als eines der größten Probleme. Zudem befürchtet knapp über die Hälfte (55 %) eine weniger am Menschen ausgerichtete Pflege. Tatsache ist: Digitale Helfer können das Personal – und dessen menschliche Zuwendung und Emotionalität – nicht ersetzen. Organisationen wie die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) weisen nicht umsonst immer wieder auf den großen Fachkräftemangel hin: „In den Pflegeheimen sollen insgesamt 13.000 neue Stellen für Pflegekräfte eingerichtet werden“, heißt es bei der DAlzG in Bezug auf das kürzlich verabschiedete Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG). „Allerdings gibt das Gesetz keine Antwort auf die Frage, woher diese neuen Pflegekräfte kommen sollen.“ Denn bereits heute könnten viele offene Stellen nicht besetzt werden.

Hier ist weiterhin die Politik gefragt. Doch digitale Technologien können das vorhandene Personal immerhin unterstützen. Und gerade angesichts mangelnder Kräfte ist es vorteilhaft, wenn Menschen erst zu einem späteren Zeitpunkt auf professionelle Pfleger angewiesen sind: „Die Digitalisierung kann […] in einer immer älter werdenden Gesellschaft […] der Schlüssel für ein langes Leben in den eigenen vier Wänden sein“, betont Rohleder. Die Teilnehmer der Bitkom-Umfrage sehen das ähnlich: Mehr als drei Viertel (76 %) betrachten ein längeres selbstbestimmtes Leben und Wohnen als eine der größten Chancen der Digitalisierung.
Darüber hinaus bietet sie viele weitere Möglichkeiten – nicht nur in der Pflege. Dr. Thomas Kriedel vom Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) weiß, dass man mit ihr „die Zukunft sinnvoll, also patientengerecht“ gestalten kann. „Wir unterstützen die Entwicklung aller digitalen Anwendungen, die für Patienten, Ärzte und Psychotherapeuten Mehrwerte bringen und so die Versorgungsqualität steigern.“

Digitale Helfer in der Pflege
Digitale Helfer in der Pflege (© Bitkom / Bitkom Research, 2018 repräsentative Befragung von 1.004 Personen ab 18 Jahren in Deutschland)

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