Gesundheitsziele im Visier

Seit fast 20 Jahren ist der deutsche Kooperationsverbund „gesundheitsziele.de“ mit der Erarbeitung, Umsetzung und Aktualisierung von sogenannten „Nationalen Gesundheitszielen“ beschäftigt. Sie sollen Prioritäten im Gesundheitswesen setzen, Handlungsfelder definieren und klarmachen, an welchen Stellen es noch Verbesserungspotenzial gibt. Aktuell existieren neun solcher Ziele. Sie alle entstanden, weil sich Politiker, Wissenschaftler, Fachverbände, Vertreter der Selbstverwaltung und der Industrie sowie Patienten- und Selbsthilfeorganisationen gemeinsam fragten: Wie können wir die Gesundheit der Bevölkerung in Zukunft verbessern?

„Handeln braucht Ziele, um effektiv und effizient sein zu können.“ Diesem Mantra folgen die rund 140 Organisationen, die sich im Kooperationsverbund gesundheitsziele.de für die Entwicklung und Umsetzung deutscher Gesundheitsziele engagieren. Gemeinsam wollen sie den Herausforderungen im Gesundheitswesen mit abgestimmten Strategien begegnen. Das ist eine gute Idee – gerade in einem pluralistischen System wie dem deutschen.

Seinen Anfang nahm alles bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Mit der von ihr im Jahr 1977 eingeleiteten Strategie „Gesundheit für alle“ gewann zunehmend die (Weiter-)Entwicklung nationaler Gesundheitssysteme an Bedeutung. Dem wurde 1986 in der sogenannten Ottawa-Charta Nachdruck verliehen: Darin wird explizit an die Entwicklung von Strategien für die Gesundheitsförderung in den Mitgliedsländern appelliert. Für die europäische Region hat das WHO-Regionalbüro Europa ein Rahmenkonzept zur Umsetzung einer „Gesundheit für alle“-Strategie formuliert. Dieses Konzept, das zuletzt 2005 aktualisiert wurde, gibt den Mitgliedsstaaten bis heute wirksame Strategien in die Hand, um die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern. Zudem hat es den Zieleprozess in vielen europäischen Staaten eingeleitet und beeinflusst.

Seit 2000: Auf der Suche nach (neuen) Gesundheitszielen

In Deutschland war es das Bundesministerium für Gesundheit (BMG), das zusammen mit den Ländern im Jahr 2000 die Initiative ergriff: Das inzwischen auf Dauer angelegte Forum gesundheitsziele.de wurde ins Leben gerufen. In einer „Gemeinsamen Erklärung“ (2010) verpflichteten sich alle Träger und Partner dazu, die eigenen Aktivitäten an den gemeinsam entwickelten Gesundheitszielen auszurichten und sich für deren Umsetzung sowie Erreichung stark zu machen. Aktuell sind es neun Stück: Sie beziehen sich auf konkrete Krankheiten wie Diabetes oder Brustkrebs, sind präventionsbezogen (z. B. „Tabakkonsum reduzieren“), befassen sich mit den Patienten selbst oder auch mit einer bestimmten Lebensphase eines Menschen (siehe Info-Kasten).

Zu letzteren zählt beispielsweise das Ziel „Gesund älter werden“. „[Es] will zweierlei erreichen: Eine bessere Gesundheitsförderung im Sinne einer Prävention als auch eine bessere Versorgung älterer Menschen im Krankheits- oder Pflegefall“, erklärte der ehemalige Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr bei dessen offiziellen Veröffentlichung. Das war im Jahr 2012.

Zuvor war noch einiges passiert: Denn ehe ein Gesundheitsziel überhaupt erarbeitet werden darf, muss es auf Basis von dreizehn Kriterien auf seine Relevanz hin überprüft werden. Der Steuerungskreis des Kooperationsverbundes, bestehend aus Vertretern der Trägerorganisationen und ständigen Gästen wie dem Robert Koch-Institut (RKI), entscheidet über die Auswahl neuer Ziele.

Neun Nationale Gesundheitsziele für Deutschland

Krankheitsbezogene Gesundheitsziele
  • Diabetes mellitus Typ 2: Erkrankungsrisiko senken, Erkrankte früh erkennen und behandeln
  • Brustkrebs: Mortalität vermindern, Lebensqualität erhöhen
  • Depressive Erkrankungen: verhindern, früh erkennen, nachhaltig behandeln

Präventionsbezogene Gesundheitsziele

  • Tabakkonsum reduzieren
  • Alkoholkonsum reduzieren

Altersgruppenbezogene Gesundheitsziele

  • Gesundheit rund um die Geburt
  • Gesund aufwachsen: Lebenskompetenz, Bewegung, Ernährung
  • Gesund älter werden

Patientenbezogene Gesundheitsziele

  • Gesundheitliche Kompetenz erhöhen, Patient(inn)ensouveränität stärken
Quelle: gesundheitsziele.de

Gesund älter werden: So kann es funktionieren

Daran anschließend gründet ein Ausschuss, der sich aus Repräsentanten weiterer Kooperationspartner zusammensetzt, eine Arbeitsgruppe. Darin entwickeln Akteure des Gesundheitswesens sowie externe Experten die konkreten Inhalte des jeweiligen Ziels. In der AG „Gesund älter werden“ ist seit 2009 die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) sowie unter anderem auch das Deutsche Zentrum für Altersfragen vertreten.
Im ersten Schritt analysiert die Arbeitsgruppe die gesundheitliche Ausgangslage in einem bestimmten Bereich. Dann identifiziert sie notwendige Handlungsfelder. Für „Gesund älter werden“ wählte man „Prävention und Gesundheitsförderung“, „Gesundheitliche, medizinische und pflegerische Versorgung“ sowie „besondere Herausforderungen“, die durch die demografische Entwicklung entstehen, aus.

13 Teilziele

„In der Phase der Zielformulierung werden Teilziele für die einzelnen Aktionsfelder für Zielgruppen oder auch für Settings entwickelt“, heißt es bei gesundheitsziele.de weiter. Dabei müssen gewisse Querschnittsanforderungen wie Chancengleichheit, Bürgerbeteiligung und Evidenzbasierung berücksichtigt werden. In der AG „Gesund älter werden“ entstanden 13 solcher Teilziele – eine Menge. Darunter ist beispielsweise die Absicht, die körperliche Aktivität und Mobilität älterer Menschen zu stärken und zu erhalten. Auch möchte man erreichen, dass unterschiedliche Gesundheitsberufe im Sinne einer guten Versorgung patientenorientiert und koordiniert zusammenarbeiten. Zudem soll die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen gestärkt sein.

Auf Basis wissenschaftlicher Evidenz formulierte die Arbeitsgruppe zu jedem Teilziel geeignete Umsetzungsstrategien. Außerdem wählte sie sogenannte „Startermaßnahmen“ aus, die aus Gründen wie der zeitlichen Machbarkeit zur prioritären Durchführung empfohlen werden. Hier werden unter anderem die Weiterentwicklung und der Ausbau wohnortnaher Strukturen für ältere Menschen genannt.

Gesund älter werden – mit regelmäßiger körperlicher Aktivität. (© Photographee.eu – fotolia)

In der Verantwortung

Nach dreijähriger Arbeit war es dann soweit: Der Ausschuss des Kooperationsverbundes nahm das neu erarbeitete Gesundheitsziel ab. Dessen langjähriger Vorsitzender Dr. Rainer Hess (ehemaliger Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses) verkündete damals: „Die demographische Entwicklung ist eine große Herausforderung unserer Gesellschaft. Wir wollen mit dem Nationalen Gesundheitsziel ‚Gesund älter werden‘ einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen auch im Alter bei guter Gesundheit sind.“ Dafür habe man konkrete Schwerpunkte benannt, die es aktiv zu bewegen gilt.

Hier seien nun alle Akteure im Gesundheitswesen und in der Seniorenarbeit gefragt, wie die BAGSO betont: „Neben ärztlichem und pflegerischem Fachpersonal bezieht dieser Prozess auch ausdrücklich die Kommunen, die Zivilgesellschaft mit Patientengruppen, Selbsthilfeinitiativen, Vereinigungen und Verbände und weitere Organisationen ein.“

Fit und aktiv bleiben

Einige Institutionen sind diesem Aufruf gefolgt. So führte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) von 2012 bis 2015 das Projekt „AUF (Aktiv Und Fit) Leben“ durch. Hier wurden spezifische Maßnahmen entwickelt und erprobt, um Bewegungsangebote zu schaffen, die auf die Bedürfnisse von Hochaltrigen, pflegenden Angehörigen sowie Menschen in der Übergangsphase zwischen Beruf und Ruhestand abgestimmt sind. Chancen durch Bewegung nutzen – unter diesem Motto trug der DOSB auf seine (sportliche) Art und Weise zu dem Ziel „Gesund älter werden“ bei.

Eine ganz andere Herangehensweise hatte die Stadt Bielefeld. Hier gründete die Geschäftsstelle „Kommunale Gesundheitskonferenz“ in fünf Stadtteilen sogenannte ZWAR-Gruppen („zwischen Arbeit und Ruhestand“). Darin kommen bis heute Menschen ab 50 zusammen, die ihre nachberufliche Lebensphase gemeinsam gestalten wollen. Dadurch sollen dauerhafte, soziale Netzwerke im Wohnumfeld aufgebaut werden.

Seit knapp über fünf Jahren begleitet die Arbeitsgruppe „Gesund älter werden“ nun die Umsetzung „ihres“ Ziels. Der Erfolg (oder Nicht-Erfolg) des Ganzen wurde bislang noch nicht ausgewertet: „Die Evaluierung eines Gesundheitsziels kann erst einige Zeit nach der Verabschiedung erfolgen, da nur mit Zeitverzögerung die Wirkung […] angemessen erfasst werden kann“, erklärt der Kooperationsverbund. Die Entwicklung eines Evaluationskonzeptes durch den „Evaluationsbeirat“ ist jedoch in Planung. Die Auswertung wird letzten Endes Grundlage für eine etwaige Überarbeitung des Ziels sein. So war es auch bei „Tabakkonsum reduzieren“ der Fall: Hier wurde 2015 – über zehn Jahre nach erstmaliger Verabschiedung – eine aktualisierte Version veröffentlicht.

Für mehr Patientensicherheit

Doch nun ist erstmal ein anderes Thema im Fokus des Kooperationsverbundes: Seit 2014 ist eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Dr. Günther Jonitz, Mitbegründer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS), mit der Erarbeitung eines neuen Gesundheitsziels beschäftigt. Dabei wird es – wie könnte es anders sein – um „Patientensicherheit“ gehen. Rainer Hess freut sich: „Wir haben nun die Möglichkeit, in einem strukturierten und partizipativen Dialog mit allen Akteuren Maßnahmen zur Verbesserung der Patientensicherheit in Deutschland zu erarbeiten.“ Es sieht also ganz danach aus, dass es bald zehn Nationale Gesundheitsziele gibt – ein weiterer Schritt hin zu einer besseren Gesundheit der Bevölkerung.

Seit 17 Jahren existiert nun das Forum gesundheitsziele.de. Zwar wurden erst für drei der neun Ziele umfangreiche Evaluationskonzepte entwickelt; und nur zwei von ihnen wurden auf dieser Basis bislang überarbeitet und aktualisiert. Doch Erfolge sind durchaus sichtbar. So stellte das RKI in einem Bericht 2015 fest: „Gesundheitsziele werden in Deutschland zunehmend als ein gesundheitspolitisches Steuerungsinstrument akzeptiert und verwendet.“ Das zeigt auch das vor zwei Jahren in Kraft getretene Präventionsgesetz (PrävG). Darin werden die Krankenkassen dazu verpflichtet, sich in ihrer Arbeit an den (bis dahin acht) erarbeiteten Gesundheitszielen zu orientieren. So wurde erstmals eine gesetzliche Grundlage für Gesundheitsziele in Deutschland geschaffen.

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