BAG SELBSTHILFE: Wächter für Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen

Fünf Jahrzehnte Engagement für Autonomie, Selbstbestimmung und Teilhabe: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen e.V. (BAG SELBSTHILFE) hat im September ihren 50. Geburtstag gefeiert. Mit dabei: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Die BAG SELBSTHILFE feierte ihr 50-Jähriges mit Bundespräsident Steinmeier. (© BAG SELBSTHILFE / A.Rippl)

„Selbsthilfegruppen sind Keimzellen der Demokratie“, so der Bundespräsident. „Hier entstehen Impulse, bestehende Strukturen, die vielleicht verknöchert sind, umzugestalten und für gemeinsame Rechte zu kämpfen.“ Schöner hätte es auch die BAG SELBSTHILFE selbst nicht formulieren können: Kein Wunder also, dass der Bundespräsident bei der Jubiläums-Matinée im September in Berlin die 250 Gäste begeisterte. In seiner Rede forderte er mehr Anstrengungen für die Inklusion von Menschen mit Behinderung. „Inklusion ist gelebte Demokratie. Es verträgt sich nicht mit unserer Demokratie, wenn Menschen ausgeschlossen werden. Es widerspricht unserer Vorstellung von einer offenen Gesellschaft, wenn Menschen im Alltag auf Hürden stoßen, die sie daran hindern, am öffentlichen Leben teilzunehmen“, stellte der Bundespräsident fest und würdigte ausdrücklich die Arbeit der BAG SELBSTHILFE in den vergangenen 50 Jahren.

„Gemeinsam sind wir stark“. Dies war die Leitidee für die Gründung der Organisation im Jahr 1967. Damals schlossen sich Eltern von behinderten Kindern als eine Interessenvertretung gegenüber Politik und Gesellschaft zusammen – zunächst unter dem Namen „Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte e.V.“. Los ging es mit einem kleinen Büro in Düsseldorf. Es muss wohl eine Mischung aus Aufbruch, ein bisschen Chaos und Basisdemokratie gewesen sein, wie sich die Wegbereiter der ersten Stunde erinnern.

Lobbyarbeit in Berlin

Die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten: Das Schwerbehindertengesetz von 1974 war für die Organisation ein großer Meilenstein. Es reformierte das Schwerbeschädigtengesetz und war damit anwendbar auf alle Menschen mit Behinderung. 1977 initiierte der Dachverband erstmals eine Messe. Was klein und übersichtlich begann, ist heute die Reha Care, in der ganzen Welt anerkannt als die Leitmesse für Rehabilitation, Selbstbestimmung und Prävention. Dann die siebziger und achtziger Jahre: Sie erlebten eine Gründungswelle von Organisationen der Selbsthilfe – der Dachverband wuchs und damit auch seine Aufgaben. Mit der Wiedervereinigung ging auch durch die BAG SELBSTHILFE ein Ruck. In den neuen Bundesländern gründeten sich Landesarbeitsgemeinschaften. Die Rolle der BAG SELBSTHILFE wurde immer politischer. Die Bundesvorsitzende Hannelore Loskill beschreibt das so: „Wenn man es genau nimmt, macht die BAG SELBSTHILFE Lobbyarbeit. Sie macht natürlich Arbeit nach innen für ihre 120 Mitgliedsorganisationen […]. Aber v. a. macht sie massiv Lobbyarbeit in Berlin in der Politik und hat da ja auch schon eine ganze Menge auf den Weg gebracht und auch erreicht; z. B., dass die Selbsthilfe-Förderung für die Verbände durch die Krankenkassen in den letzten Jahren verdoppelt wurde.“

Zum Fachgespräch mit dem Bundespräsidenten

Bundespräsident Steinmeier würdigte die Arbeit der BAG SELBSTHILFE. (© BAG SELBSTHILFE / A.Rippl)

Längst ist es Tradition, dass sich die Vertreter der BAG SELBSTHILFE mit dem jeweils amtierenden Bundespräsidenten und Bundeskanzler jährlich zu so genannten Fachgesprächen treffen. Das sind Kontakte, die sich als wichtig erwiesen, als Anfang der neunziger Jahre das Lebensrecht von schwerstbehinderten Neugeborenen öffentlich in Frage gestellt wird. Die BAG SELBSTHILFE pochte auf die Grundrechte behinderter Menschen. Mit seinem „Es ist normal, verschieden zu sein“, stärkte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker der Organisation 1993 demonstrativ den Rücken. Ein Jahr später kann die BAG SELBSTHILFE einen „unserer größten Erfolge überhaupt“ verbuchen, wie Christoph Nachtigäller, der 30 Jahre für die BAG gearbeitet hat, es ausdrückt: Paragraph 3 des Grundgesetzes enthält seit 1994 den Passus: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Ob Gründung des Deutschen Behindertenrates (DBR) (1999), ob Behinderten-Gleichstellungsgesetz (2002) oder die aktive Patientenbeteiligung im Gemeinsamen Bundesausschuss (2004; siehe Artikel in dieser Ausgabe): Die BAG wächst, wird professioneller, gewinnt an Einfluss. 2005 gibt sie sich einen neuen Namen: Aus der BAG wird die BAG SELBSTHILFE. Das ist Ausdruck des Wandels der Organisation von der Hilfe für behinderte Menschen hin zur Selbsthilfe.

Ein Dach für Millionen betroffene Menschen

Die Behindertenkonvention der Vereinten Nationen hat die Bundesrepublik 2009 ratifiziert. Der Grundsatz lautet: „Nichts ohne uns über uns“. Bundesgeschäftsführer Danner leitet für seine Organisation daraus einen Auftrag ab; die BAG SELBSTHILFE wird die Umsetzung aktiv und kritisch begleiten: „Insofern sind wir auch Wächter für die Wahrung der Rechte für Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankten.“

50 Jahre nach ihrer Gründung bildet die Organisation ein Dach für 120 Mitgliedsverbände, 13 Landesarbeitsgemeinschaften und Millionen von Menschen mit einer Behinderung oder einer chronischen Erkrankung. Das Motto der Gemeinsamkeit, formuliert in den ersten Tagen der Arbeitsgemeinschaft, gilt nach wie vor, erklärt der Bundesgeschäftsführer: „Die Interessensgegensätze in der Gesundheits- und Sozialpolitik sind groß. Wir haben hier mächtige, schlagkräftige Akteure, die ihre Interessen vertreten. Aus diesem Grund ist es unverzichtbar sich zusammenzuschließen und gemeinsam tätig zu werden. Das gilt für die Vergangenheit, aber für die Zukunft erst recht.“

Rund 20 Personen sind in den Geschäftsstellen der BAG SELBSTHILFE in Düsseldorf und Berlin beschäftigt – gemessen an den Aufgaben der Organisation ein übersichtliches Team. Es kämpft für die Rechte behinderter und chronisch kranker Menschen, für ihre Selbstbestimmung und Autonomie.
Einen Rückblick über die vergangenen 50 Jahre der BAG SELBSTHILFE finden Sie auf YouTube.

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