Wieviel Patientennutzen steckt in neuen Krebsmedikamenten?

Kaum ein Anwendungsgebiet, in dem mehr Dynamik herrscht: Ein Drittel der Arzneimittelneuzulassungen sind Onkologika – also Medikamente gegen Krebserkrankungen. Sie werden, wie alle neuen Arzneimittel, nach Zulassung auf ihren Zusatznutzen überprüft. Das sieht seit 2011 das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) vor. Doch über die Deutung der Daten gibt es Streit.

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) ist als Kritiker des AMNOG bisher nicht in Erscheinung getreten, schließlich liefert es aus Sicht der Fachgesellschaft wertvolle Informationen über neue Präparate. Das AMNOG ist nicht perfekt, nein, soweit würde sie nicht gehen. Aber verglichen mit anderen Indikationen wurden neue Onkologika bisher verhältnismäßig gut bewertet, wie ihr medizinischer Leiter, Prof. Bernhard Wörmann, kürzlich in einem Interview erklärte. Und schließlich sei es ja ein „lernendes System“. Auch deshalb ließ die Fachgesellschaft aufhorchen, als sie vor kurzen per Pressemitteilung fragte: „Entfernt sich die Nutzenbewertung vom Nutzen für den Patienten?“

Denn bei den jüngsten Bewertungen hieß es zuletzt oft: „Zusatznutzen nicht belegt“ – wie bei drei Therapien gegen Dickdarm- bzw. Lungenkarzinom. Oder innovativen Präparaten wurde – z. B. im Bereich der lymphatischen Leukämie – „kein Zusatznutzen gerade in Patientengruppen zugesprochen, in denen der höchste ungedeckte medizinische Bedarf besteht.“ Beim Gemeinsamen Bundesauschuss (G-BA) – er hat in dem komplexen AMNOG-Verfahren das letzte Wort – werde die Verlängerung der Lebenszeit gegen Nebenwirkungen aufgerechnet, so die DGHO – nach der einfachen Formel: Verlängerung Überlebenszeit minus Nebenwirkungen gleich Zusatznutzen nicht belegt. Wieviel Patientennutzen steckt also in den jüngsten AMNOG-Beschlüssen?

5-Jahres-Überlebensrate

Große therapeutische Fortschritte

„Ist Krebs bald eine chronische Erkrankung?“, fragt die Deutsche Krebsgesellschaft – und spielt damit auf die großen Fortschritte in Bezug auf die Lebenserwartung an. Die Überlebensraten steigen kontinuierlich. Die Krebssterblichkeit ist seit 1990 um rund 25 Prozent zurückgegangen. Vor allem hat sich in den letzten Jahren die Überlebenszeit von Patienten mit weit fortgeschrittenem, metastasiertem Krebs verlängert. Mit den neuen therapeutischen Möglichkeiten steigen auch die Anforderungen an die langfristige Verträglichkeit dieser Medikamente. „Personalisiertes Vorgehen und pharmazeutische Fortschritte werden in Zukunft die Chancen auf ein Langzeitüberleben noch weiter steigern. Und damit rückt – neben dem Überleben – ein anderer Aspekt immer mehr in den Blickwinkel: die Lebensqualität“, so die Krebsgesellschaft.

Der Streit findet in diesem Spannungsfeld statt. Der G-BA verteidigt seine Linie: „Wenn beispielsweise bei der Behandlung einer Krebserkrankung im fortgeschrittenen Stadium ein kleiner Überlebensvorteil von ein bis zwei Monaten erwartet werden kann, zugleich aber schwere Nebenwirkungen signifikant zunehmen, muss eine sehr gründliche Abwägung auch nach Maßgabe der Patientenpräferenz erfolgen, gerade auch in Hinblick auf die Lebensqualität.“

Mann beim ArztbesuchGehört aus Sicht der DGHO ins Arzt-Patientengespräch: Die Abwägung zwischen den Vor- und Nachteilen einer Krebstherapie. © GSK

Die Frage aber ist: Wer entscheidet über die Patientenpräferenz? Die DGHO ist der Meinung, dass die Abwägung zwischen Vor- und Nachteilen einer Therapie zwischen Arzt und Patient besprochen und entschieden werden sollte. Dort weiß man, dass für viele Patienten „eine mögliche Verlängerung der Überlebenszeit die dominierende Motivation für eine Krebstherapie“ ist. Die DGHO befürchtet, dass die jüngsten Beschlüsse nur zur Verunsicherung von Ärzten und Patienten beitragen – „mit dem Risiko, dass ein wirksames Präparat gar nicht erst eingesetzt wird.“ Wichtige Innovationen würden dann gar nicht in der Versorgung ankommen.

Wer entscheidet also am Ende über den Patientennutzen neuer Krebsmedikamente? Das ist eine Frage, die schleunigst geklärt werden sollte. Denn von 328 Arzneimittel-Projekten sind 34 Prozent Onkologika. Sie zu entwickeln macht wenig Sinn, wenn sie nicht bei den Patienten ankommen.

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