Ärzte besser informieren

Der Gesetzgeber will, dass Ärzte künftig besser über die Ergebnisse der Nutzenbewertungen von neuen Arzneimitteln informiert werden. Unklar ist aber, wie diese Informationen aufgearbeitet werden sollen. Diese Frage dürfte aber gerade für Patienten entscheidend sein. Ein Interview mit Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen e.V. (BAG SELBSTHILFE).

Dr. Martin DannerFordert ein Patienteninformationssystem – Dr. Martin Danner von der BAG Selbsthilfe. © BAG Selbsthilfe

Seit sechs Jahren gibt es das AMNOG jetzt. Mit dem Gesetz wurde in Deutschland eine Nutzenbewertung neuer Arzneimittel eingeführt, die im ersten Jahr nach Zulassung durchgeführt werden muss. Das Ziel: Mit dem Verfahren will man mehr erfahren über Nutzen und Zusatznutzen neuer Arzneimittel und deren therapeutischen Stellenwert. Für fast 250 Arzneimittel ist seitdem eine Bewertung ergangen. Nun sieht ein Reformgesetz vor, dass diese Informationen die Ärzte noch besser erreichen sollen – ein Arztinformationssystem (AIS) soll entwickelt werden. Mit der Integration der AMNOG-Ergebnisse in die Praxis-Software der Verordner will man sicherstellen, dass die Beschlüsse schneller in der Versorgung ankommen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat laut Gesetzentwurf den Auftrag, die Eckpunkte des AIS zu entwerfen.

Tatsache ist: Ein solches System ist alles andere als einfach zu realisieren. Das liegt zum einen an den Ergebnissen selbst, denn die Beschlüsse des G-BA zur Bewertung der Arzneimittel sind meist komplex. Die Aufsplitterung in unterschiedliche Patientengruppen mit jeweils abweichenden Bewertungen verhindert, dass sich die Beschlüsse in einfache und kompakte Botschaften gießen lassen.

Hinzu kommt, dass sich ärztliche Therapieentscheidungen auch aus anderen Quellen speisen – allen voran aus den Leitlinien medizinischer Fachgesellschaften. Die sollen den Stand der medizinischen Wissenschaft darstellen und folgen insofern einer anderen Fragestellung, als die Nutzenbewertungsbeschlüsse des G-BA, die auf die Preisregulierung ausgerichtet sind. Deshalb kommt es auch vor, dass die medizinischen Fachgesellschaften in der Bewertung des Nutzens eines Arzneimittels zu gänzlich anderen Ergebnissen kommen als der G-BA als letztendliche Entscheidungsinstanz im AMNOG-Verfahren. Wie aber soll der Arzt zwischen diesen Quellen abwägen?

Sticht eine Leitlinie einen AMNOG-Beschluss oder ist es umgekehrt? Der Streit über die Ausgestaltung des AIS ist ein Streit über die Deutungshoheit von Studienergebnissen. Im Interview mit dem GSK-Patientenbrief macht BAGS-Geschäftsführer Danner klar, dass ihm in der Diskussion die Patientensicht fehlt – er fordert deshalb ein Patienteninformationssystem.

NutzenbewertungÄrzte sollen besser über die Ergebnisse der Nutzenbewertung Bescheid wissen. rechtefrei

PatientenBrief: Im AM-VSG ist vorgesehen, Ärzte noch besser als bisher über den therapeutischen Stellenwert von Arzneimitteln zu informieren. Wie finden Sie das?

Grundsätzlich ist es natürlich eine gute Idee, Ärztinnen und Ärzte noch besser über den Nutzen und den therapeutischen Stellenwert zu informieren. Ich sehe hier nur zwei Probleme: Zum einen ist unklar, wie die Vielzahl der Informationen zu Arzneimitteln sinnvoll gebündelt und strukturiert werden können, damit der Arzt auch tatsächlich eine aktuelle und aussagekräftige Entscheidungshilfe erhält. Zum anderen wird immer wieder betont, dass das Behandlungsgeschehen von Arzt und Patient gemeinsam gestaltet werden muss. Daher braucht man nicht nur ein Arztinformationssystem, sondern auch ein Patienteninformationssystem, um eine partizipative Entscheidungsfindung (shared decision making) zu unterstützen.

PatientenBrief: Wie könnte ein AIS ausgestaltet sein, dass es die Versorgungsqualität erhöht?

Zunächst einmal muss das AIS von einer zentralen Institution entwickelt, betrieben und ausgestaltet werden, die sich ausschließlich am Patientennutzen orientiert. Diese Institution muss auf der Basis einer abgesicherten Methodik arbeiten, um die unterschiedlichsten Informationen, die es zu Arzneimitteln gibt, sinnvoll zu priorisieren und zu strukturieren. Nicht zuletzt die Laienverständlichkeit der Informationen wird dabei ein wichtiges Kriterium sein.

PatientenBrief: Welche Wirkungen darf ein AIS keinesfalls entfalten?

Die erste Sorge ist natürlich die, dass mit großem Aufwand ein AIS etabliert wird, das von den Ärztinnen und Ärzten gar nicht genutzt wird, da die Anwendung in der Praxis nicht handhabbar ist. Der Arzt hat heute nur wenig Zeit für die Behandlung und nutzt daher nur leicht anwendbare Unterstützungstools. Eine weitere Gefahr besteht natürlich darin, dass das AIS sich im Widerspruch zu anderen Informationsquellen setzt, die für den Arzt wichtig sind, bspw. die Vorgaben der kassenärztlichen Vereinigungen. Schließlich wäre es auch fatal, wenn in dem AIS falsche oder veraltete Informationen auftauchen würden. Dies würde unter Umständen Leib und Leben der Patienten gefährden. Daher sollte man bei der Einführung eines AIS sehr sorgfältig vorgehen und eine Erprobung mit Evaluation vorschalten.

PatientenBrief: Sie haben wiederholt gefordert, dass es eigentlich nicht eines neuen Arztinformationssystems, sondern eines Patienteninformationssystems bedarf. Wie könnte dies konkret aussehen?

Wir müssen die Transparenz für Patientinnen und Patienten gerade in der Arzneimittelversorgung verbessern. Patienten müssen die Nutzenrelationen der Arzneimittel, die in ihrem Indikationsgebiet vorhanden sind, besser abschätzen können. Nur wenn ich weiß, wie die Nutzen- und Risikoprofile der Arzneimittel im Vergleich aussehen, kann ich eine rationale Entscheidung als Patient für oder gegen ein Arzneimittel treffen. Ich bin mir sicher, dass die Transparenz von Nutzenprofilen auch die Therapietreue der Patienten erheblich erhöhen würde.

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